Syrienkonflikt: Bald auch eine türkische Tragödie?

Der Bombenanschlag in Reyhanlı, bei dem 56 Menschen ums Leben gekommen sind, fordert die Türkei auf, langfristig wirksame Strategien gegen den Krieg in Syrien anzulegen. Es geht dabei nicht zuletzt auch um das Ansehen der Türkei in diesem Krisengebiet.

Die Bedrohung, der die Türkei entlang der südlichen Grenzen ausgesetzt ist , erreichte am vergangenen Samstag ein Besorgnis erregendes Level mit einem tödlichen Doppel-Bombenanschlag, bei dem 53 Personen in der Region von Reyhanlı an der Grenze zu Syrien ums Leben gekommen sind. Der Bürgerkrieg geht unvermindert weiter.
Dies war bis jetzt die blutigste Auswirkung des Syrien Kriegs auf dem türkischen Territorium. Das Verhältnis zwischen der Türkei und Syrien scheint durch den syrischen Bürgerkrieg zerstört worden zu sein, denn Ministerpräsident Erdoğan wurde vom Freund zum Feind des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad.

Ankara hat sich in eine gefährliche Lage manövriert

Nachdem Erdoğan am 14.Mai für ein Treffen mit dem Präsidenten Barack Obama in die USA geflogen ist, berichtete er den Reportern nach seinem Besuch in Washington, dass Ankara einen Strategieplan für die Lösung der syrischen Krise entwickeln wird.

Diese Aussagen weisen darauf hin, dass Ankara nun ohne jegliche diplomatischen Spielraum dasteht. Zum einen verärgerte Ankara durch die offene Unterstützung der Oppositionskräfte die Fürhung in Damaskus massiv. Zum anderen will die syrische Seite nunmehr die Sicherheitsrisiken, die durch die Türkei für sie entstanden, verringern, indem sie auf Abstand geht.

Fakt ist, dass weder die NATO, in der die Türkei Mitglied ist, noch die USA das Verlangen haben eine ausdrückliche Rolle in Syrien zu spielen. Sie wollen weder das skrupellose Blutvergießen des syrischen Regimes stoppen, was die Türkei in eine gefährlichere Position vis á vis bezüglich der Sicherheit bringen würde, noch sich anderweitig einmischen. Zudem weiß mittlerweile niemand, was auf den syrischen Schlachtfeldern überhaupt vor sich geht.

Tatsächlich scheinen Assads Streitkräfte momentan eher wieder an Boden zu gewinnen. Eine Enwicklung, die im Gegensatz zu den im Westen verbreiteten Spekulationen über den desolaten Zustand des Regimes. Die Streitkräfte des Regimes eroberten in letzter Zeit mehrere von den Rebellen kontrollierte Gebiete zurück und stifteten so auch innerhalb der Opposition Verwirrung.

Ein Artikel, der am 13. Mai in „The Guardian“ mit folgender Schlagzeile erschien war scheint eine realistischen Blick auf die Geschehnisse zu vermitteln: „Syrien: der erste Konflikt der „Post-superpower“ Ära“. Der Artikel fasst korrekterweise die komplexe Situation mit „Es ist Syriens Tragödie und wird bald die der anderen sein“ zusammen.

Unglücklicherweise beginnt Syriens Tragödie sich in eine türkische Tragödie zu verwandeln. Sollte das Assad Regime weiterhin militärische Erfolge erringen können, speziell in an die Türkei grenzenden Gebieten, so könnte dies bedeuten, dass der Zustrom der syrischen Flüchtlinge in die Türkei, die zurzeit bei ca. 250 000 liegt, sich um das Fünffache erhöhen wird.

Hinzu kommt, dass die syrischen Rebellen gewaltsam auf das türkische Gebiet vordringen könnten, sollte Assad die bislang von den verschiedenen syrischen Rebellengruppen gehaltenen Grenzgebiete zurückerobern.
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„worst-case“-Szenario: Assad bleibt an der Macht – wie reagiert die Türkei dann? 

Die große Frage wird sein, wie die Türkei eine solche Situation, die zu einer Katastrophe führen würde, kontrollieren soll. Es ist Ironie des Schicksals, dass während die Türkei versucht eine friedliche Lösung für ihr Jahrzehnte-altes Terrorismus Problem zu finden – in der Hoffnung die Terroristen der PKK zu entwaffnen – der gesamte Prozess damit enden könnte, türkische Mitglieder einiger Extremistengruppen wie al-Nusra akzeptieren zu müssen. Al Nusra ist ein syrischer Al-Qaida Ableger, dessen Mitglieder auf der Seite der syrischen Opposition kämpfen.

Die Türkei scheint außerdem ein gefährliches Spiel mit dem syrischen Regime – das in Besitz von Chemiewaffen ist – zu spielen.

Die Bemerkungen des türkischen Ministerpräsidenten an die NBC Nachrichten am 9.Mai bezüglich dem Einsatz chemischer Waffen durch Assads Streitkräfte und die daraus resultierende Überschreitung der von US Präsident Obama gesetzten roten Linie wurde von einigen Stellen bereits als eine Gelegenheit gesehen, endlich an der Seite der westlichen Verbündeten militärisch in Syrien einzugreifen.

Falls jedoch bewiesen wird, dass die Türkei diese Vorfälle selbst provoziert hat und dass in Wahrheit die Kämpfer der Opposition chemische Waffen benutzt haben – und wenn herauskommt, dass diese Tatsachen wissentlich übergangen wurden – wird es den Ruf der Türkei als zuverlässigen Verbündeten stark schaden.

Wie die Internationale Krisen Gruppe (ICG), eine renommierte Denkfabrik (Think tank) empfahl in dem Report „Trübung der Grenzen: Syriens Überlaufrisiken für die Türkei“ bereits am 30.April: „ Die Türkei muss aufhören ihr Ansehen für eine schnelle Lösung der Syrien Krise zu verspielen und muss einige langfristige Änderungen bei ihren Schwerpunkten setzen. Um zu allen Parteien als eine ernste moralischen Autorität zu sprechen, sollte sie vermeiden das Bild einer sunnitisch-muslimischen Vorherrschaft zu vermitteln. Sie sollte außerdem ihre Grenzen sichern und die syrischen Oppositionskämpfer bitten nach Syrien zurück zu kehren.“

Außerdem sollte die Türkei darüber nachdenken, wie sie bei dem momentanen „worse-case“ Szenario zu reagieren hat – wenn das Assads Regime seine Macht über Syrien doch wieder herstellen kann.