Die Luftangriffe der russichen Streitkräfte in Syrien zeigen offensichtlich nicht nur militärisch Wirkung, sondern haben auch verheerende humanitäre Konsequenzen. Syrische Aktivisten warnen vor einer neuen Fluchtwelle in Richtung Türkei, sollten die russischen Luftangriffe und Kämpfe im Norden des Landes weitergehen. Die Zahl der Hilfesuchenden in der Region südlich der Stadt Aleppo werde in den nächsten Tagen deutlich steigen, da immer mehr Menschen ihre Heimatorte wegen der zunehmenden Gewalt verließen, sagte Saidun al-Soabi, Leiter einer syrischen Hilfsorganisation, am Freitag der Deutschen Presse-Agentur.

Allerdings gibt es unterschiedliche Angaben zur Zahl der Flüchtlinge in der Region. Al-Soabi erklärte, mindestens 70.000 Menschen seien bereits auf der Flucht. Andere Aktivisten sprachen hingegen von rund 20.000 Vertriebenen. Die meisten UN-Hilfsorganisationen wollen keine Angaben machen. Das UN-Büro zur Koordinierung humanitärer Hilfe (OCHA) hatte in dieser Woche von etwa 35.000 Flüchtlingen gesprochen.

Aktivisten berichteten zugleich, dass die Türkei die Grenze zu Syrien streng kontrolliere und kaum noch Syrer ins Land lasse. „Die Flüchtlinge haben keinen Ort, an den sie gehen können“, erklärte Osama Abu Seid, Militärberater der oppositionellen Freien Syrischen Armee (FSA). An der Frontlinie seien mittlerweile ganze Dörfer verlassen. Das syrische Militär hatte in der vergangenen Woche mit russischer Luftunterstützung südlich von Aleppo eine neue Offensive begonnen.

Russland greift seit einigen Wochen auf Seiten des Regimes von Baschar al-Assad mit Luftschlägen in den Syrischen Bürgerkrieg ein. Es wird international kritisiert, dass diese sich zwar offiziell gegen den IS richten, aber in Wirklichkeit beinahe ausschließlich gemäßigtere Rebellengruppen treffen. Am Dienstag war Assad zu Gesprächen mit Präsident Wladimir Putin nach Moskau gereist; es war seine erste offizielle Auslandsreise seit Ausbruch des Bürgerkrieges. In Wien treffen sich heute neben US-Außenminister John Kerry und seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow Vertreter der EU, der UN, der Türkei sowie Saudi Arabiens zu diplomatischen Gesprächen über die Lage in der Region. Dass sie eine Lösung für die verfahrene Situation finden, erwartet allerdings niemand. (dtj/dpa)