Die Wirkung der Rede, die Premierminister Ahmet Davutoğlu am Wahlabend gehalten hat, ist schnell verpufft. Er sprach in seiner sogenannten Balkon-Rede von Versöhnung – doch am dritten Tag nach der Wahl haben bereits 71 Journalisten ihre Arbeit verloren.

Am Dienstag wurden im Hauptstadtbüro der Zeitung Bugün, die seit letzter Woche von einem staatlichen Zwangsverwalter geführt wird, 12 Journalisten und ein weiterer Mitarbeiter entlassen. Ferner wurden der Chefredakteur und Redaktionsleiter der wöchentlichen Zeitschrift Nokta, Cevheri Güven und Murat Çapan, verhaftet. Sie hatten in der neuen Ausgabe „Bürgerkrieg“ getitelt.

İrfan Galip Dumlu, einer der entlassenen Journalisten, betonte gegenüber der Nachrichtenagentur Cihan, dass die Mitarbeiter entlassen wurden, obwohl sie weiterhin ihre Arbeit machen wollten. Er gibt sich aber kämpferisch: „Aber das ist nicht das Ende. Für uns ist es ein neuer Anfang. Wir gehen nach Hause, machen uns einen Tee und beginnen neu. An unseren neuen Arbeitsplätzen könnten wir das gleiche Schicksal erleiden, auch dort könnten staatliche Zwangsverwalter ernannt werden. Für sämtliche Unternehmen in der Türkei besteht diese Möglichkeit. Dann könnten wir wieder nach Hause gehen und uns Tee bereiten und wieder neu anfangen.“

Unter Journalisten macht sich Galgenhumor breit

Dumlu vertritt die Meinung, dass die Praxis die Aussagen des Ministerpräsidenten Ahmet Davutoğlu widerlege und die Hälfte der Bevölkerung ihm keinen Glauben schenke. Zugleich wies er auf den Galgenhumor hin, der sich unter den Journalisten breitmache:

„Wir sind uns sicher, dass der Druck seitens der Regierung weiter zunehmen wird. Als ich hierher kam, haben mich Kollegen aus anderen Medien angerufen und lachend mit einem Augenzwinkern gesagt ’Heute rufen wir dich an, vielleicht wirst du schon nächste Woche uns anrufen und trösten müssen.’ Sie erwarten das gleiche Schicksal. Sözcü erwartet es, Cumhuriyet erwartet es, die Doğan Medien erwarten es. Die Kollegen von Zaman erwarten es schon seit langem.“

Metin Arslan, ebenfalls Journalist, äußerte dagegen, dass sie traurig seien: „Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ja, wir haben unsere Arbeit verloren, aber dieses Land hat seinen Meinungsfreiheit und Pressefreiheit verloren.“