Taksim Trio trat am Sonntag in Köln auf. Ich hatte die Gelegenheit, die Gruppe live zu erleben.

Vor dem Ensemble aus Istanbul war eine Band für bulgarische Hochzeitsmusik auf der Bühne und sorgte mächtig für Stimmung. Die Musik lud zum Tanzen ein und die Zuhörer hielt es nur schwer auf den Sitzen.

Schon während der Musik aus Bulgarien gab es aber ein ganz dickes „Negativ“. Das Publikum um mich herum war nicht auszustehen. Die vielen türkischen Gäste waren für Taksim Trio gekommen und machten etwa 80 Prozent der Zuschauer aus. Das war auch die Ursache für das Problem. Wie kommt das? Dafür möchte ich etwas ausholen.

Konservative vs. Moderne

In der Türkei sind nach der Gründung der Republik zwei grobe Blöcke entstanden. Zwar müsste man für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung sicherlich noch weiter differenzieren. Auf der einen Seite gibt es die konservativen Türken, die in den ländlichen Räumen leben, und auf der anderen Seite die „modernen“, liberalen Türken, die die Küstenregionen bewohnen. Diese beiden Gruppen meiden den sozialen Kontakt und diskriminieren einander. Welche Gruppe die Oberhand behält, ist abhängig von der politischen Führung. Früher waren die Laizisten an der Macht und unterdrückten jahrelang die Konservativen. Heute wird die Türkei von der konservativen AKP regiert, und sie hat den Spieß einfach umgedreht.

Dennoch steht fest: Die Liberalen halten kulturell und künstlerisch gar nichts von ihren konservativen Mitmenschen. Die Konservativen hingegen werfen ihrem Gegenüber ein übertriebenes Streben nach dem französischen Leitbild vor und können nicht mit deren liberaler Art zu leben umgehen. An dieser Stelle kommt auch das Selbstbild der beiden Gruppen ins Spiel. Während die „modernen“ Türken sich selbst für sehr kultiviert halten, sehen sich die Konservativen einzig und allein auf dem rechten Weg. Konzerte und Kulturveranstaltungen werden in der Regel von den weniger konservativen Türken besucht. So war es auch beim Konzert in Köln. Das war mit dem bloßen Auge zu sehen. Und auch die wenigen Gespräche, die ich geführt habe, deuteten darauf hin.

Mitsingende Zuschauer – bei Instrumentalmusik!

Genau diese „modernen“ Türken saßen also nun mit ihrem überzeugten Selbstbild, „die Kulturgenießer der Türkei“ zu sein, im Publikum. Ich saß weit entfernt von der Bühne, inmitten der selbstgekürten, kultivierten Zuschauer. Mein Fazit am Ende des Abends: Sie sollten ihr Selbstbild vollkommen revidieren! Die Damen und Herren über 40 haben andauernd miteinander geredet. Je lauter die Musik wurde, desto lauter haben sie geredet. Ich habe bei jedem Stück ein irritierendes Summen und Brummen im Ohr gehabt. Dann haben drei Damen, die vor mir saßen und allem Anschein nach zum selben Freundeskreis gehörten, zwischendurch einfach Witze gemacht und anschließend gelacht, bis die Tränen flossen. Das Gekichere und die Lachausbrüche haben nicht nur gestört, sondern auch wütend gemacht – bestimmt nicht nur mich. Bei bekannten Stücken haben sie auch noch angefangen mitzusingen. Das war Instrumentalmusik! Ich habe als Zuschauer doch keine 25€ ausgegeben, um mir ihre unmusikalische Stimmen anzuhören!

Diese Störenfriede haben mir einige Lieder derart vermasselt, dass ich ehrlich gesagt nur etwa die Hälfte der Veranstaltung genießen konnte. So erging es auch vielen anderen im Publikum. Die armen Leute mussten sich voller Empörung immer wieder umdrehen und Blickkontakt herstellen, damit diese Kulturbanausen in Verlegenheit geraten und sich endlich mal zusammenreißen. Aber die Ruhephase hielt höchstens drei Minuten. Dann ging es wieder von vorne los.

„Ich konnte mich leider nicht bei allen Stücken vertiefen“, ärgerte sich Stefan K. über das andauernde Gerede. Tamara G. erging es nicht anders. Ich war als Türke noch anders betroffen. Bei mir war es sogar ein echtes Fremdschämen. Danke dafür!