Talibanbüro bald in der Türkei?

Seit nunmehr 12 Jahren kämpfen die Taliban gegen die Koalitionstruppen und die afghanische Armee. Um die politische Zukunft des Landes am Hindukusch nach dem Abzug der ausländischen Streitkräfte besser gestalten zu können, sind Friedensgespräche zwischen afghanischer Regierung und den Taliban wichtig. Das afghanische Außenministerium nannte am Sonntag offiziell Saudi-Arabien – das die auf die deobandistische Schule zurückgehenden Ultraorthodoxen in der Vergangenheit unterstützte – und die Türkei als mögliche Austragungsorte der Friedensgespräche mit den afghanischen Taliban.

Ankara ist wirtschaftlich in Afghanistan engagiert und hat daher ein großes Interesse an der Mitgestaltung der Verhandlungen und daher auch an der Ausrichtung der Friedensgespräche. „Die Türkei hat eine bessere Chance“, sagte der Nahostanalyst Fikret Ertan und verwies auf die neutrale Rolle des Landes im Afghanistankonflikt, was mögliche Friedensgespräche auf türkischem Boden ihm zufolge begünstigen würde.

Der CHP-Politiker Hikmet Çetin, ehemaliger hoher ziviler NATO-Repräsentant in Afghanistan, sagte der türkischen Zeitung „Sunday’s Zaman“, die Türkei sei ein verlässlicherer Gastgeber für die Friedensgespräche als Saudi-Arabien. „Saudi Arabien war eines der ersten Länder, das die Taliban offiziell anerkannt hatte und das überschattet seine Neutralität. Die Türkei hingegen hat die afghanische Regierung stets unterstützt. Afghanistan, die Vereinigten Staaten und Pakistan können der Türkei in dieser Angelegenheit vertrauen“, sagte Çetin.

Talibanbüro in Doha, Katar

Im Juni hatten die geplanten Friedensgespräche zwischen der afghanischen Regierung und den im Westen als „Steinzeitkrieger“ betitelten Taliban international für Schlagzeilen gesorgt, als Letztere die Eröffnung eines eigenen Büros in Doha, der Hauptstadt von Katar, angekündigt hatten. Die Hoffnungen auf ernsthafte Gespräche wurden aber bereits kurz nach dieser Ankündigung der Taliban bereits wieder enttäuscht, da die afghanische Regierung wütenden Protest einlegte, nachdem die Taliban über ihrem Büro in Doha ihre eigene Flagge gehisst hatten. Es war die gleiche Flagge, die die Taliban während ihrer Herrschaft in Afghanistan von 1996 bis 2001 benutzten und die für das von ihnen 1997 ausgerufene „Islamische Emirat Afghanistan“ steht.

Der Sprecher des afghanischen Außenministeriums, Janan Mosazai, sagte, dass entweder in der Türkei oder in Saudi-Arabien ein Büro eröffnet werden könnte, in dem sich afghanische Offizielle und Vertreter der Taliban zu Gesprächen treffen könnten. Fazıl Ahmed Burget, Mitarbeiter der türkischen Denkfabrik „Center for Middle Eastern Strategic Studies” (ORSAM) in Ankara, bestätigte, es sei sehr wahrscheinlich, dass die Wahl des Ausrichtungsortes auf die Türkei fällt, sollte dies nicht durch eine ausländische Macht abgelehnt werden. Burget wies darauf hin, dass die Taliban ein Verbund mehrerer verschiedener Gruppen sind und dass die Türkei ihre Position bei der Suche nach einem Ausrichtungsort der Friedensgespräche stärken würde, wenn sie zu den einzelnen Talibangruppen Kontakt aufbauen könnte.

Der afghanische Direktor des „Afghan Institute for Strategic Studies“ (AISS), Dr. Davood Moradian, warnte jedoch vor negativen Konsequenzen einer Ausrichtung in der Türkei. Dr. Moradian zufolge könnte die Eröffnung eines Talibanbüros in der Türkei die bislang sehr guten Beziehungen beider Staaten belasten. Ein Talibanbüro etwa in Istanbul könnte seinen Angaben zufolge einige Gruppen der afghanischen Gesellschaft, wie etwa Teile der Zivilgesellschaft, Frauenrechtsgruppen und auch ganz normale afghanische Bürger von der Türkei entfremden.
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Pakistanische Militärs: „Die Herren der Taliban“

Die Türkei sollte außerdem von den Friedengesprächen keine konkreten Resultate erwarten, sagte Dr. Moradian: „Aus zwei einfachen Gründen… Erstens sind die eigentlichen Herren der Taliban das militärische Establishment in Pakistan und die wollen ihre Unterstützung für die Taliban nicht beenden. Vielleicht begünstigen sie die Friedensgespräche und sehen sie als eine Art TV-Serie, die an verschiedenen Orten spielt, aber nie irgendwelche konkreten Resultate hat.“

Der zweite Grund sei Dr. Moradian zufolge das in weniger als sechs Monaten bevorstehende Ende der Amtszeit des afghanischen Noch-Präsidenten Hamid Karsai. „Weder die Taliban noch Pakistan wollen einen Deal mit einem scheidenden Präsidenten machen.“

Die Türkei ist seit langem am Hindukusch engagiert und unterstützt die afghanische Regierung auf verschiedenen Ebenen, so etwa durch Militärhilfe oder durch Bau- und Entwicklungsprojekte. Das NATO-Mitglied Türkei ist außerdem Teil der Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe (ISAF) und hat offiziell 1036 Soldaten in Kabul stationiert.

Türkische Politikanalysten beschäftigt daher zunehmend die Frage, wer Afghanistan regieren werde, wenn die Amerikaner das Land verlassen haben.