Prof. Dr. Tariq Ramadan, Inhaber eines Lehrstuhls für Zeitgenössischen Islam in Oxford und einer der bedeutendsten islamischen Gelehrten in Europa, hat zum 60. Jahrestag der Gründung der Deutschen Muslim-Liga, der ältesten islamischen Vereinigung in Deutschland, in Hamburg über die Situation der Muslime in Europa zehn Jahre nach seinem letzten Besuch gesprochen.

Mit Blick auf die Terroranschläge von Paris und die darauf folgenden Pauschalverurteilungen der Muslime in Medien und Politik sei es notwendig, zum Zwecke einer realistischen Einschätzung den größeren historischen Rahmen dieser Tat zu sehen und sich nicht von dem Problem selbst überrollen zu lassen.

„Wir Muslime müssen weiterhin auf Gott vertrauen, so wie der Prophet in seiner Zeit auch auf Gott vertraut hat“, äußerte Ramadan. „Unter allen Umständen sollten wir versuchen, positiv zu bleiben und einen kritischen Ansatz finden zu dem, was jetzt getan werden sollte. Dabei reicht es oft schon, wenn wir unsere Religion und ihre Prinzipien bezeugen und zu ihr stehen. Dabei wird die Gesellschaft schnell merken, dass die Muslime nicht das Problem darstellen, sondern ein Geschenk sein können.“

Ramadan unterstrich, den Muslimen käme heutzutage in diesem Zusammenhang auch eine besondere Verantwortung bezüglich der Sprache zu. Das heiße nicht nur, dass die muslimischen Einwanderer die Sprache ihrer Heimatländer fließend sprechen können müssen, sie sollten auch auf die Kolonialisierung von Sprache nicht hereinfallen. „Oft liegen in Fragen von Journalisten bereits Unterstellungen an sich“, mahnte Ramadan. „Wenn wir auf den Kern kommen wollen, müssen wir sagen, dass wir den Islam in seiner Tiefe verstehen müssen, das heißt, wir müssen verstehen, dass der Islam eine spirituelle Tiefe hat, das heißt: Islam ist mein innerstes Reformprojekt. Wir müssen einen Weg finden, mit Gott in Kontakt zu treten. Wir sind nicht hier, um in erster Linie zu gefallen. Nehmen wir uns die Zeit und fragen wir uns, wer wir sind.“

Islam heißt vorleben, nicht missionieren

Die innere Einkehr und Selbstvergewisserung sei auch die richtige Art und Weise, um mit Attacken umzugehen. Der Prophet habe nie direkt auf verbale Attacken reagiert, sondern sich zurückgezogen und die Stille gesucht. Dann habe er einen Weg zur Problemlösung gefunden und die nächsten Schritte unternommen. „Dabei sollte unser Glaube ruhig sichtbar sein und bleiben und vor allem das, was wir tun“, gab Tariq Ramadan zu bedenken.

Auch wenn Muslime gerne über den Islam sprechen, sollten sie vor allem in der Öffentlichkeit vernehmlich über Bildung, über Wirtschaft, über Kunst reden, über Themen also, die die Menschen interessieren. „Wir haben einen Gesellschaftsvertrag hier und deshalb haben wir uns nicht nur an die Gesetze zu halten, sondern die Gesellschaft von innen mitzugestalten, mit ganzer Kraft“, betonte Ramadan. „Muslime müssen in die Parteien, in die Verbände und Vereine eintreten und dort ihre Ideen präsent sein. Und da geht es eben nicht darum, die Menschen um uns herum von unserem Glauben zu überzeugen, nein, das ist nicht unsere Sache. Wir müssen die Unterschiedlichkeit der Religionen annehmen, aber auch unsere innerislamische Verschiedenheit. Wenn es um unsere gemeinsamen Interessen geht, müssen Sunniten und Schiiten zusammenarbeiten und zusammenstehen.“

Teil der kollektiven Erzählung werden

Integration ohne Assimilation sei der Muslimen zugedachte Weg, seine Religion und die Welt miteinander in Einklang zu bringen, äußerte Ramadan weiter. Muslime hätten sich, so Ramadan, an die Regeln und Gesetze in den europäischen Ländern zu halten. Aber es gehe noch tiefer: „Wir müssen uns, wenn wir den Islam leben, nach Quran und Sunna so verhalten, dass wir uns dabei wohlfühlen“, präzisierte Ramadan. Hier sei aber auch die Mehrheitsgesellschaft gefordert. „Wir müssen Teil der Erzählung im Lande werden. Es geht eben nicht, dass gesagt wird, ihr seid zwar Bürger dem Gesetz nach, gehört aber nicht zur Nation dazu. Da müssen wir uns klar gegen verbale Ausbürgerungen wehren. Wenn Mesut Özil ein Tor für Deutschland schießt, dann ist er nicht der Muslim, sondern Bestandteil der kollektiven Psychologie des Landes.“

Dann könne man auch Allianzen schließen mit den Vertretern anderer Religionen, die dieselben Werte wie die Muslime teilen. Das Wichtigste bleibe weiterhin, Frieden in sich selbst zu schaffen und diesen ausstrahlen zu lassen.