Rechte Gewalttaten sind ein alltägliches Problem in ganz Deutschland. Ein neues Tool sammelt Fälle mit rechtem Bezug auf einer interaktiven Deutschlandkarte. Mitinitiatorin Anna Neifer erklärt im DTJ-Interview, wie das funktioniert.

Hallo Anna, kannst Du uns kurz skizzieren, was „Tatort Rechts“ genau ist?

„Tatort Rechts“ ist ein Recherche-Tool, das auf einer interaktiven Deutschlandkarte Fälle mit rechtem Bezug sammelt. Auf der Karte sind die Daten von 13 Projekt-Webseiten zu sehen. Sie zeigen mehr als 16.000 Fälle, die einen rechten, antisemitischen oder rassistischen Bezug haben. Mit „Tatort Rechts“ haben wir sie erstmals gebündelt.

Woher bekommt Ihr die Daten?

Die Daten für „Tatort Rechts“ stammen von 13 Projekten. Dazu zählen Organisationen, die mindestens seit dem Jahr 2000 solche Fälle erfassen. Die Daten sind öffentlich. Aber die Schwierigkeit war, dass sie auf 13 verschiedenen Webseiten im Internet verstreut lagen. Es gab bis jetzt keine Möglichkeit, die Daten systematisch zu durchsuchen.

„Diskrepanz zwischen staatlich erfassten und tatsächlichen Fällen“

Ist Dir das als Journalistin aufgefallen? War das der Beginn Eurer Arbeit an „Tatort Rechts“?

Ich als Journalistin kannte die Daten schon, habe sie aber nie für meine Recherchen benutzen können, da sie in einem Format waren, mit dem ich nichts anfangen konnte. Die Ursprungsidee hatte Johannes Filter. Er ist Software-Entwickler und hatte schon einen kleinen Prototypen programmiert. 2020 haben wir uns dazu das erste Mal ausgetauscht. Er als Software-Experte und ich als Journalistin haben dann seit Sommer 2020 gemeinsam geschaut, wie wir das Tool entwickeln können. Daraus entstand „Tatort Rechts“.

Wen hattet Ihr im Kopf, als Ihr das Tool erstellt habt? Wer ist sozusagen Empfänger:in?

Primär alle Benutzer:innen, die sich über Gewalttaten mit rechtsextremem, rassistischem oder antisemitischem Bezug informieren wollen. Und natürlich richten wir uns auch an Journalist:innen, Aktivist:innen und Politiker:innen, die sich für ihre Arbeit einen Überblick verschaffen wollen.

Du hast bereits die Schwierigkeit Eurer Arbeit mit den Datensätzen erwähnt. Bei rechten Gewalttaten ist die Datenbasis oft ein Problem. Der Verfassungsschutz veröffentlicht ebenfalls Statistiken zu rechts motivierten Straf- und Gewalttaten. Häufig wird kritisiert, dass darin nicht alle Fälle rechter Gewalt erfasst werden.

Zu der Diskrepanz zwischen staatlich erfassten und tatsächlichen Fällen kann ich nichts sagen. Aber was ich sagen kann ist, dass nach dem NSU-Untersuchungsausschuss viele Polizeibehörden ihre Fälle noch einmal überprüfen mussten, ob sie nicht doch einen rechten Bezug sehen. Ganz konkret ging es dabei um Tötungsdelikte. Tatsächlich zeigte sich, dass, häufiger als bislang erfasst, ein rechter Hintergrund eine Rolle spielte.

Daten von 13 Projektseiten

Zurück zu „Tatort Rechts“: Beim Durchscrollen fällt auf, dass es vor allem in Städten relativ präzise Daten und genaue Details dazu gibt, wo genau ein Fall stattgefunden hat. Andernorts sind die Informationen weniger gehaltvoll. Woran liegt das?

Tatsächlich ist es so, dass wir uns an den Daten der erwähnten 13 Projektseiten orientieren. Und die haben eben unterschiedliche Vorgehensweisen und ganz eigene Kriterien für die Erfassung ihrer Fälle. Das führt dazu, dass manche Daten sehr präzise sind und andere weniger Informationen enthalten, die wir auf der Karte mappen können.

Wie steht’s mit der Partizipation? Wie kann ich bei „Tatort Rechts“ mitwirken?

Wir testen gerade ein Formular, über das man sich an uns wenden kann. Es ist auf dem Blog zu finden (hier geht es direkt zum Formular). Darüber kann man uns öffentlich bekannte Fälle zuschicken. Wir prüfen dann, ob wir sie auf die Seite heben können.

Das heißt, die kontinuierliche Pflege des Tools übernehmt ihr weiterhin. Aber das Ziel ist eine Community, die neue Fälle einspeist. Richtig? 

Genau, wir wollen uns mit der Zeit eine Community aufbauen, mit der wir im Austausch stehen und mit der wir gemeinsam „Tatort Rechts“ weiterentwickeln können.

Vielen Dank für das Gespräch!

Anna Neifer arbeitet in Berlin als Journalistin für Online-Medien, Fernsehen und Radio.

Äußerungen unserer Gesprächspartner:innen geben deren eigene Auffassungen wieder.