Auch wenn ich versuche es mir manchmal auszureden, bin ich ein abergläubischer Mensch. Heute war Freitag, der 13. und ich machte mir bereits Sorgen, dass bei meinen Plänen aufgrund dieses Datums etwas dazwischen kommen könnte. Erstaunlicherweise lief alles sogar besser als erwartet. Der Tag war fast zu Ende und ich war gut gelaunt. „Der Tag ist fast zu Ende und es ist alles gut gegangen“, sagte ich zu meiner Mutter und bereute diese Worte wenige Minuten später…

Zehn Tote in Paris aufgrund einer Schießerei. Nebenbei läuft das Deutschland-Frankreich Spiel. Plötzlich gibt es auch eine Explosion. 18 Tote. Ich verstehe den Zusammenhang noch nicht. Ich recherchiere. Noch können die Medien nichts Konkretes berichten. Ich bin auf Facebook, Twitter und allen möglichen internationalen Nachrichtenportalen. Im Sekundentakt aktualisiere ich. Die Anzahl der Toten steigt. Mittlerweile sind es 30 Tote. Plötzlich ist die Rede von 100 Geiseln, die in einer Konzerthalle festgenommen wurden. Mir wird schlecht. Ich vergleiche die Informationen mit meinen Eltern. Wir verfolgen die Nachrichten auf unterschiedlichen Kanälen und Portalen.

Erste Verdächtigungen gegen Muslime in den sozialen Medien

Langsam rechne ich mit dem Schlimmsten. Bitte lass es nicht wahr sein. Bitte nicht schon wieder. Auf Twitter kursieren mittlerweile die ersten Anschuldigungen. „Und ihr Muslime seid Schuld daran“ oder „Das ist alles eurer Terrorreligion zu verdanken!“ Ich schlucke und bin wütend. Bin kurz davor zu antworten, dass doch noch gar nicht feststeht, wer hinter den Anschlägen steckt. Doch ich zögere. Was ist … wenn es doch Muslime waren …?

Eigentlich dürfte die Religion hier egal sein. Ein Mörder bleibt ein Mörder, ganz gleich welcher Religion er angehört. Doch leider spielt die Religion des Mörders in diesem Fall eine Rolle. Anfang des Jahres haben wir gesehen, was die Resultate des Anschlags auf die Satirezeitung Charlie Hebdo waren. Die Welt wurde gespalten. Unschuldige Muslime mussten sich von terroristischen Taten distanzieren, mit denen sie nie etwas zu tun hatten. War die Rede von einem Anschlag, wurden direkt Muslime verdächtigt, nicht zuletzt bei dem Flugzeugabsturz von Germanwings. Die Religion der Täter spielt hier insofern eine Rolle, als dass die Islamphobie wächst und Öl ins Feuer gegossen wird. In Zeiten wie diesen, in denen die Fremdenfeindlichkeit steigt, in denen „besorgte Bürger“ und Rechtsradikale Bestätigungen für ihre Ängste serviert bekommen, ist es das letzte, was wir gebrauchen könnten.

Doch wem galt dieser Anschlag? War es nur ein Anschlag gegen die Franzosen? Oder auch gegen die Deutschen, deren DFB-Team und Fans ebenfalls im Land waren? An wen diese Attentate auch gerichtet waren, sie waren „ein Anschlag auf die gesamte Menscheit“, wie US-Präsident Barack Obama bekundete.

Die Anzahl der Toten steigt und steigt…

Mittlerweile sollen es über 120 Tote sein. Die Konzerthalle mit den Geiseln wurde gestürmt und immerhin zwei Terroristen getötet. Doch weitere laufen noch frei in der Stadt herum. Die Menschen, die noch leben, sind nicht in Sicherheit und die Anzahl der Toten steigt ununterbrochen. Ich kann nicht schlafen. Die Nachricht kam gerade, nachdem ich den gestrigen Anschlag im Süden Beiruts in Burj al-Barajneh verdauen musste. Auch gestern waren über 40 Menschen gestorben und 200 weitere verletzt worden. Warum heute erneut unschuldige Menschen sterben mussten, kann ich nicht verstehen.

Ich aktualisiere. Der französische Präsident hat den Ausnahmezustand ausgerufen und die Grenzen geschlossen. Ein Flüchtlingsheim in Calais ist in Brand gesetzt worden. Mir bleibt der Atem weg. Nein! Es war nur eine Frage der Zeit. Zwar konnte noch kein Zusammenhang zu den Anschlägen hergestellt werden, doch dies wird gewiss nicht der letzte Anschlag auf Flüchtlingsheime gewesen sein.

Mittlerweile ist es 02.00 Uhr morgens. Ich aktualisiere. Zeugen berichten, dass die Attentäter „Allahu Akbar“ und „Das ist für Syrien“ gerufen haben sollen. Vereinzelte Medien berichten von „eindeutigem islamistischem Terror“. Also doch Muslime! Oder? Und wenn, in meinen Augen werden diese grausamen Menschen Mörder sein und Terroristen, die keine Barmherzigkeit in ihrem Herzen haben und kaltblütig unschuldige Menschen umbringen. Und dies bringt ihnen der Islam gewiss NICHT bei! Für mich und viele weitere Muslime heißt es jetzt dennoch, Opfer vieler hasserfüllter Menschen zu werden und sich von Terroristen distanzieren zu müssen. Wieder einmal…

Der Albtraum ist leider wahr

Es ist der nächste Morgen. Ich habe vielleicht nur zwei Stunden geschlafen. Ich gehe direkt an mein Handy. Nein, es war gestern leider kein Albtraum. Überall liest man Berichte über das Blutbad. Die fünf Terroristen wurden angeblich getötet. Wenigstens eine gute Nachricht. Doch der Schatten, der nach diesem Abend über Frankreich und die ganze Welt gefallen ist, bleibt und sitzt tief in unserem Herzen.

Allen Angehörigen, die ihre Liebsten durch schreckliche Taten verloren haben, seien es die Eltern von Muhammad, von Elias, der Toten in Beirut und der Toten in Paris, gilt mein tiefstes und herzlichstes Beileid. Möge Gott ihnen Kraft und Geduld schenken. Wir alle trauern mit euch.