Mindestens 15 Menschen sind am Sonntag bei einem Terroranschlag auf dem Bahnhof der südrussischen Großstadt Wolgograd getötet worden.

Laut ersten Erkenntnissen der Anti-Terror-Behörde NAK sprengte sich eine Selbstmordattentäterin um 12.45 Ortszeit (09.45 MEZ) in die Luft.

Laut den jüngsten Informationen des Ermittlungskomitees wurden 15 Menschen, darunter ein neunjähriges Kind, getötet und mehr als 30 weitere verletzt. Die Gebietsverwaltung von Wolgograd hatte zuvor von mindestens 18 Toten und 40 Verletzten berichtet. Der Sprecher des Ermittlungskomitees, Wladimir Markin, teilte mit, dass die Sprengstoffexperten bei der Untersuchung des Anschlagsorts eine scharfe Handgranate vom Typ F-1 gefunden und vernichtet haben. Die Gebietsverwaltung von Wolgograd verhängte eine dreitägige Trauer.

Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen hat den „barbarischen“ Anschlag entschieden verurteilt. Der Präsident der Parlamentarischen Versammlung des Europarats (PACE) Jean-Claude Mignon sprach im Zusammenhang mit dem Anschlag sein Beileid aus, wie der Duma-Angeordnete Alexej Puschkow via Twitter mitteilte.

Am Freitagabend waren im südrussischen Pjatigorsk (ca. 500 km südlich von Wolgograd) drei Menschen bei einem Autobomben-Anschlag getötet worden. Pjatigorsk liegt rund 270 Kilometer von Sotschi entfernt, wo im Februar die Olympischen Winterspiele stattfinden werden.

Im Oktober war Wolgograd bereits von einem Selbstmordanschlag erschüttert worden: Eine Terroristin sprengte sich in einem Linienbus in die Luft und zog sechs Passagiere mit in den Tod. Mehr als 40 weitere wurden verletzt.

Mittlerweile wurde auch gemeldet, dass die Identität der Attentäterin geklärt sei. Der „Stimme Russlands“ zufolge handelte es sich dabei um Oksana A. aus der Teilrepublik Dagestan. Sie wurde am 18. Juni 1987 in der russischen Region Tjumen geboren und war mit einem im März 2011 getöteten Djihadisten verheiratet. Wegen des Verdachts auf Vorbereitung von Terroranschlägen in Zentralrussland wurde nach ihr wird seit Juni 2012 gefahndet. Der gleiche Sender spekulierte im weiteren Verlaufe des Sonntags, dass auch eine männliche Person mit slawischem Aussehen mitinvolviert gewesen sein könnte.

Terror tschetschenischer Extremisten seit 2000

Der Terrorismus, der sich aus dieser Region in weitere Gebiete der russischen Föderation ausbreitet und gerade jetzt im Vorfeld der Olympischen Winterspiele in Sotschi ein besonderes Drohpotenzial entfaltet, geht auf die Zeit des Zerfalls der Sowjetunion zurück.

Angesichts der zahlreichen Abspaltungen früherer Sowjetrepubliken hatte auch der damalige tschetschenische Präsident Dschochar Dudajew die Unabhängigkeit ausgerufen, die jedoch weder von Präsident Mikhail Gorbatschow noch von seinem Nachfolger Boris Jelzin anerkannt wurde.

Russische Bevölkerungsteile sollten nach dem Willen Dudajews zwangsassimiliert werden, viele flüchteten auch aus der Region. Moskau unterstützte seinerseits Rebelleneinheiten gegen die regionale Regierung unter Dudajew. Die Eskalation der Brutalität auf beiden Seiten führte wiederum zu weiteren Fluchtbewegungen innerhalb der tschetschenischen Bevölkerung. Im November 1994 beschloss der Sicherheitsrat der Russischen Föderation ein militärisches Eingreifen Moskaus, das in den Ersten Tschetschenienkrieg mündete.

Zwar konnte 1996 unter der Führung General Lebeds ein Waffenstillstandsabkommen ausgehandelt werden, dieses blieb aber brüchig. Zudem beherrschten Warlords die Szenerie, die Region wurde eine Brutstätte der Kriminalität und ein ruhiges Hinterland für extremistische wahhabitische Kräfte, die nicht selten finanziell und logistisch aus dem Ausland unterstützt wurden. Nach einer Reihe von Anschlägen auf Wohnhauskomplexen in Moskau und anderen russischen Großstädten, die mehrere hundert Todesopfer forderten, beschloss Russlands Präsident Putin, erneut mittels einer Großoffensive der Armee und Sondereinheiten wie OMON die Ordnung wiederherzustellen.

Kadyrow sieht wahhabitische Extremisten als Drahtzieher

Im Laufe des Jahres 2000 gelang es Moskau auch, die Rebellen zu vertreiben, wobei beide Seiten einander wechselseitig ein besonders grausames Vorgehen vorwarfen. Seit dieser Zeit sind die djihadistischen Rebellen jedoch zu einer Guerilla-Taktik übergegangen, zu der nicht nur Geiselnahmen wie im Moskauer Dubrowka-Theater 2002 oder in einer Schule im nordossetischen Beslan im Jahre 2004 zählten, sondern auch Selbstmordanschläge so genannter „Schwarzer Witwen“, die nicht selten von den eigenen Familien, die auf diese Weise von ihren Unterhaltsverpflichtungen frei werden, gezwungen werden, sich unter „djihadistischen“ Vorzeichen das Leben zu nehmen.

Anschläge „schwarzer Witwen“ sollen auch hinter den jüngsten Terroranschlägen in Wolgograd stecken. Der Regierungschef von Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, hatte bereits vor einigen Wochen angekündigt, noch härter gegen die djihadistischen Rebellen vorgehen zu wollen und notfalls auch in Syrien zu intervenieren, sollten von dort aus Anschläge auf russisches Territorium ausgehen.

„Wir wissen, wie viel Unglück und Leiden die Wahhabiten dem tschetschenischen Volk gebracht haben. Sie haben die Gefühle der Gläubigen beleidigt, Menschen umgebracht: Kinder, Alte, Frauen. Wir lassen nicht zu, dass dieses Übel erneut in tschetschenischem Boden Wurzeln schlägt“, sagte Kadyrow vor Wochen bei einem Treffen mit islamischen Geistlichen. (RIA Novosti/RUVR/dtj)