Die Türkei hat nach Einschätzung des katholischen Theologen und Islamwissenschaftlers Felix Körner für lange Zeit ihre Chancen verspielt, Mitglied der Europäischen Union zu werden. Unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan habe das Land totalitäre Züge entwickelt, sagte der Professor der Päpstlichen Universität Gregoriana am Dienstagabend in Köln. Es sei nicht zu erwarten, dass die Türkei in den nächsten Jahrzehnten die Bedingungen an eine EU-Mitgliedschaft und die darin enthaltenen Anforderungen an die Menschenrechte erfülle.

Nach den Worten von Körner, der sechs Jahre in der Türkei gelebt hat und Mitglied der Päpstlichen Kommission für religiöse Beziehungen zu den Muslimen ist, profiliert sich Erdoğan zunehmend wie Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk als Vaterfigur. Dazu benutze er dieselben Handlungsmuster und betreibe eine auf Nationalismus, Autoritarismus und Uniformismus ausgerichtete Politik. Während aber Atatürk einen laizistischen Staat angestrebt habe, installiere Erdoğan den Islam als gestaltendes Element der Politik. Zudem agiere er im Unterschied zu Atatürk mit einem ausgeprägten Populismus.

Laut Körner macht sich Erdoğan ein tief in der türkischen Gesellschaft eingepflanztes Freund-Feind-Denken zunutze, das bis in die Zeit des Ersten Weltkriegs zurückreiche. Die damaligen Pläne der Alliierten, große Teile der Türkei unter sich aufzuteilen, gehörten auch heute noch zum Lehrplan in den Schulen. Die türkischen Kinder wüchsen mit dem Lebensgefühl auf, dass sie von Feinden umgeben seien, zu denen auch die europäischen Mächte gehörten.

„Das ist ein nützliches Angstmuster, um einen autoritären Staat aufzubauen“, so der Jesuit Körner. Deshalb schare sich ein erheblicher Teil der Bevölkerung gerne um einen Führer, der nach dem Grundsatz „wir oder die“ die äußeren und auch die inneren Feinde des Landes bekämpfe. Auch weil es keine breit wählbare Alternative zu Erdoğan gebe, sei dieser mit absoluter Mehrheit zum Präsidenten gewählt worden.

Die Situation für die Kirchen im Land hat sich nach Einschätzung des Theologen aber nicht zum Schlechteren verändert. Ein behördliches Wohlwollen sei vielerorts zu spüren. Neu in den vergangenen Monaten sei aber, dass einige christliche Leitungsfiguren keine Verlängerung ihrer Aufenthaltsgenehmigung erhielten, möglicherweise weil sie als Spione und innere Feinde des Landes verdächtigt würden. Ansonsten könnten Christen Gottesdienste abhalten und Kirchen renovieren. In der Türkei gebe es keine Christenverfolgung, wohl aber mancherorts deren gesellschaftliche Diskriminierung als Fremde. (kna/ dtj)