Bozcaada gehört zu den Tourismusgegenden, die noch nicht vom Bauboom der vergangenen Jahre heimgesucht wurde. Das könnte sich schon bald ändern. Die Bewohner der Insel stellen sich jetzt einem neuen Bebaaungsplan der türkischen Regierung.

In diesen Tagen sind die Menschen auf Bozcaada besonders beschäftigt. Von jung bis alt wird geplant, wie das Motto der Protestaktion lauten soll, wer Handzettel verteilt, Transparente fertigt, wann die Demonstrationen stattfinden und wer die Klage gegen den Bebauungsplan beim Gericht einreichen soll. Die Menschen fürchten, dass Mega-Hotels die schöner Dörfer auf der Ägäis-Insel in den Schatten stellen.

Nicht nur die Bewohner von Bozcaada, sondern auch Menschen, die noch nie dort waren, können sich dieser Aktion anschließen. Im „Bozcaada-Forum“ haben sich Menschen getroffen, die das Inselparadies weiterhin schützen wollen. Ihnen macht zu schaffen, dass die Entscheidungsträger nicht wie ein Großteil von ihnen auf der Insel leben, sondern vermutlich irgendwo in einer der Mega-Städte auf dem Festland.

Unberührte Natur und sorgenloses Leben

Wer schon mal auf der Insel war, wird die Menschen am besten verstehen können. Schon wenn man sich mit der Fähre an die Insel nähert, sieht man die fantastischen Bilder auf dem Eiland. Die Burg, die Fischerboote können einen verzaubern. Die wahre Überraschung sieht man aber erst, wenn man sich in den frühen Morgenstunden in den schmalen Gassen der Insel bewegt.

Vor den Türen der schmucken Häuser sieht man die Überbleibsel der vergangenen Nacht, Tische, Stühle, Teller, leere Teegläser, Fahrräder, vergessene Spielzeuge in irgendwelchen Ecken, überall Blumenvasen und Staffeleien mit neu gemalten Bildern… Alles liegt offen. Es bekommt einem das Gefühl der Verlegenheit. Man fühlt sich, als sei man in ein Haus eingebrochen, und die Bewohner schlafen noch alle, während man sich darin bewegt.

Sauberkeit und Pflanzen säumen die Gassen

Bozcaada unterscheidet sich von den typischen Tourismusgegenden. Die Menschen haben Sorge, dass die Idylle Hotels, Bars und Restaurants weichen wird. Die faszinierenden Häuser, die Gassen mit ihren vielen Pflanzen, die natürliche Sauberkeit, sie sind nicht wegen der Touristen da, sondern für die Bewohner der Insel. Die Menschen wollen hier nicht glauben, dass sich dieses idyllische Bild ändern wird.

Bebauungsplan sieht Mega-Hotels in unberührten Teilen der Insel vor

Was sehen die neuen Pläne des Bauministeriums vor? Darauf antwortet der Inselbewohner Fırat Tunabay: „Der neue Bebauungsplan sieht außerhalb des Zentrums unter dem Namen ‚Städtische Vergrößerung‘ neue Bebauungen vor. In den unberührtesten Gegenden der Insel sollen Villen und andere Gebäude für Touristen entstehen. Kurz: Der Weg für eine Betonisierung und Verschmutzung wird frei gemacht. Und wir erheben dagegen Widerspruch“. Die Menschen auf der Insel glauben, dass die schönsten Ecken der Insel geopfert werden sollen, nur damit eine bestimmte Gruppe von Touristen Sommerurlaub in einer Ferienanlage machen kann.

Zudem decken sich die Vorhaben nicht mit der Realität auf der Insel. Im Sommer leben auf der Insel bis zu 5.000 Menschen, im Winter sind es dagegen rund 800. Die Häuser hier übernehmen die Funktion von Pensionen und Boutiquen. Wer hier übernachtet, fühlt sich wie bei Verwandten. Hier ist man weit weg vom üblichen „All-Inclusive-Urlaub“. Der Besucher wird hier eingeladen, die Bewohner kennenzulernen. Man erlebt hier einen besonderen Tourismus, der einen praktisch zwingt, die Blumen, die Katzen, die Krähen, die Gassen und die Strände zu respektieren. Die Küste gehört jedem. In dieser Jahreszeit ist man vielleicht sogar ganz alleine dort. „Können Sie sich hier hier Beach-Clubs vorstellen? Dann werden die Strände ausschließlich nur noch einer Gruppe gehören“, sagt Tunabay.

Weinberge müssten Fabrikanlagen weichen

Eine andere Sorge bereitet den Inselbewohnern die Tatsache, dass auf Grundstücken, die größer als fünf Quadratkilometer sind, Fabrikanlagen gebaut werden sollen. Das würde das Ende der Weinberge bedeuten. Die Trauben hier gehören der Sorte „Çavuş Üzümü“ und genießen weltweit ein hohes Ansehen. Statt die Weinberge durch Fabrikanlagen zu zerstören, fordert Tunabay landwirtschaftliche Unterstützung. Problematisch sehen die Menschen auch, dass die Fabriken in Zukunft wegen mangelnder Rentabilität geschlossen werden und auf diesen Geländen dann neue Hotels entstehen könnten.

Griechische Inseln als Alternative für Touristen

Die Inselbewohner sammeln in ihren Petitionen auch die Unterschriften der Touristen ein und haben auch gleich eine Empfehlung für sie parat: „Sollten die Widersprüche und Prozesse nichts bringen und die Insel wird betonisiert, können Sie in den kommenden Jahren, falls Sie eine nicht zerstörte Infrastruktur sehen wollen, auf die griechischen Inseln gehen. Die lassen nicht einen einzigen Nagel auf ihrer Insel einschlagen.“