Traut Euch! – Mehr Selbstbewusstsein vor Mikrofon und Kamera

GASTBEITRAG Das DTJ suchte am Anfang des Jahres auf Ersuchen der taz „Optionskinder“ für einen Artikel. Über facebook sah ich diese Mitteilung und dachte mir, ich müsse diese Gelegenheit nutzen und – als mittlerweile Fachfrau – den jungen Menschen und der Politik erklären, wie fadenscheinig das Optionsmodell eigentlich ist und dass jeder von seinen Rechten Gebrauch machen muss.

Es war bereits der zweite Artikel über das Optionsmodell, an dem ich mich freiwillig beteiligte. Die Politik zeigte aufgrund der anstehenden Bundestagswahlen auf einmal ganz großes Interesse an der Thematik – und dementsprechend auch die Medien.

Damit man natürlich nicht nur die rationale und professionelle Schiene fahren muss, ist das Verlangen nach betroffenen jungen Erwachsenen seitens der Medien sehr groß. Und auf einmal wird man mehr denn je mit der Frage konfrontiert, wie türkisch und wie deutsch man sich eigentlich fühlt. Meine Antwort auf die Frage hält sich dabei stets kurz: sowohl als auch.

Die Journalisten wunderten sich aber auch über mein Deutsch, und ich wunderte mich darüber, dass sie sich darüber wunderten. Nicht selten wollten sie wissen, was meine Eltern machen. Ich musste sie leider enttäuschen, denn ich bin kein Akademikerkind! „Ich komme aus einer Arbeiterfamilie”, antwortete ich dann ganz stolz, „mein Vater ist Arbeiter, meine Mutter Hausfrau. Bei uns zu Hause wird auch nur Türkisch gesprochen!”

Es kann also durchaus auch schon mal persönlich werden. Die Erfahrungen mit den Medien in den letzten 4 Monaten haben mich jedenfalls geprägt. Ich durfte so ziemlich alles einmal ausprobieren: Radio, Zeitungen, Live-Sendung und Reportagen.

Reporter und ihre Liebe zum Klischee

Am angenehmsten sind die Live-Sendungen. Klar, viele haben Angst davor, weil einem da Patzer unterlaufen können, die sich nicht mehr rausschneiden lassen. Man muss sich vorher genaue Gedanken darüber machen, was man sagen möchte und was nicht. Allerdings kann man sich nie zu 100% darauf vorbereiten, da zu Live-Sendungen ein Hauch Spontanität dazugehört.

Gute Journalisten schicken Dir vor der Veröffentlichung übrigens ihre Beiträge! Da der eine oder andere es im Alltagsstress vergessen kann, ist es immer wichtig, die Journalisten darauf hinzuweisen und darum zu bitten, einem die Artikel selbst noch einmal vor der Veröffentlichung lesen zu lassen.

Es kann immer passieren, dass man während des Interviews aneinander vorbeiredet oder der ein oder andere Journalist schlampig arbeitet und einiges nicht richtig mitbekommen hat. Da mir das persönlich sehr wichtig war, habe ich auch kein Interview gegeben, bevor mir vorher nicht zugesichert wurde, dass ich den Artikel vorher lesen darf und ohne mein Einverständnis nichts geschieht.

Und eines mussten sie auch erst lernen: Ich esse dann Döner, wenn ICH es möchte! Bei den Reportagen ist immer ganz lustig, dass die Reporter mit Klischees arbeiten möchten und manchmal versuchen, einen dazu zu verleiten und zu drängen, solchen zu entsprechen. Keiner von uns schuldet jedoch irgendjemandem einen Gefallen. Man sollte sich immer daran erinnern, dass die Redaktionen auf EUCH angewiesen sind und nicht Ihr auf sie. Wenn ich in meinem Alltag mal kein Kopftuch trage oder heute keinen Bock auf einen Döner habe, dann mache ich das auch nicht. Da gibt es keinen Diskussionsspielraum.

Stunden für Minuten

Fernsehbeiträge nehmen die meiste Zeit in Anspruch, da man lange Stunden für am Ende ein paar Minuten drehen muss. Die Reporter brauchen Material und Alternativen, müssen sich genau überlegen, ob und wann das gedrehte Material verwendet werden kann. Deshalb ist man erstaunt darüber, dass und wie eine Drehzeit von drei Stunden auf drei Minuten verkürzt werden konnte. Das Beste an der ganzen Sache sind immer die Leute, die man kennenlernt: Bunt gemischte Teams, die Euch von ihrem Werdegang und ihren Erfahrungen erzählen. Man lernt sie auch persönlich besser kennen und steht mit ihnen nach Ende der Zusammenarbeit teilweise immer noch in Kontakt und tauscht sich regelmäßig aus.

Ich bin wirklich froh, dass ich diese Erfahrung machen durfte, denn mir wurde bewusster, was ich heute besser kann als gestern und woran ich noch arbeiten muss. Ich bin in meinem jungen Alter fähig, selbstbewusst in Medien aufzutreten und habe einen Teil meiner Ängste vor dem Unbekannten überwinden können, indem ich mich einfach getraut und es ausprobiert habe. Das ist auch jedermann nur zu empfehlen.

Mit Vorsicht zu genießen ist allerdings der eine oder andere Ratschlag manches Journalisten. „Du solltest in die Politik, so schön und positiv, wie Du redest! Hast Du Dir das mal überlegt?” Klar machen einen solche Komplimente stolz, aber man sollte den Blick fürs Wesentliche nicht verlieren. Hart erkämpfte Ziele sollten nicht über Bord geworfen werden, sobald man einen Weg sieht, der schneller zu Geld und Ehre führen könnte. Aber sich bietende Gelegenheiten zu nutzen und nichts für alle Ewigkeiten auszuschließen sind Dinge, die mir in den vergangenen Monaten noch mal klar geworden sind.

Merve Gül (Foto), 21, in Stuttgart geborene Tochter türkischer Eltern. Studiert Unternehmensjura in Mannheim und will später als Anwältin sowohl in der Türkei als auch in Deutschland arbeiten. Sie ist von der Optionspflicht betroffen und war deswegen in den vergangenen Monat ein viel gefragter Gesprächspartner diverser Print- sowie Elektronischer Medien. Der anfangs erwähnte taz-Artikel ist auch im DTJ erschienen.