Papst Franziskus (M) spricht bei einem interreligiösen Treffen im sumerischen Stadtstaat Ur mit religiösen Klerikern verschiedener vorrangig muslimischer Gruppierungen. Foto: Ameer Al Mohammedaw/dpa

Fratelli Tutti – alle sind Geschwister: Im Sinne dieser Enzyklika ist Papst Franziskus in den Irak gereist. Er will den Dialog zwischen den Religionen stärken. Zur schriftlichen Erklärung mit dem höchsten schiitischen Geistlichen des Landes kommt es allerdings nicht.

Der Papst will eine Brücke schlagen: Franziskus hat auf seiner Irakreise weiter für den Dialog zwischen dem Islam und dem Christentum geworben. Der Samstag markierte den interreligiösen Höhepunkt seiner Reise in das Land im Nahen Osten. Morgens machte sich das Oberhaupt der katholischen Kirche zum höchsten schiitischen Geistlichen, Großajatollah Ali al-Sistani, in die südliche Stadt Nadschaf auf. „Ihr seid alle Geschwister“ stand auf Plakaten mit den Konterfeis der beiden, die in den Straßen Bagdads an großen Verkehrskreuzungen aufgestellt wurden.

Das Gespräch der beiden fand hinter verschlossenen Türen im Wohnsitz Al-Sistanis statt. Erst im Anschluss wurde bekannt, worüber der 84 Jahre alte Argentinier und der 90-jährige Iraker gesprochen hatten. Franziskus dankte Al-Sistani dafür, dass er sich für die Verfolgten einsetze, und warb für die Zusammenarbeit der Religionsgemeinschaften. Von Al-Sistanis Seite wurde mitgeteilt, der Großajatollah habe über Unterdrückung, Armut und Verfolgung vieler Völker im Nahen Osten gesprochen. Er habe zudem ein Augenmerk auf die Lage der Palästinenser gelegt.

Keine gemeinsame Erklärung mit Al-Sistani

Al-Sistani hat Millionen Anhänger und genießt auch politisch Einfluss. Seine Reden finden im Irak große Resonanz. Er lebt jedoch zurückgezogen von der Öffentlichkeit. In der Vergangenheit hatte er sich schon als Mediator erwiesen. Nach dem Sturz Saddam Husseins 2003 und den Wirren um die neue Regierung habe Al-Sistani zwischen den Parteien vermittelt und so einen innerschiitischen Konflikt verhindert, sagte der Islamwissenschaftler Thomas Würtz. „Das ist sicher seine größte diplomatische Leistung, mit der er auch über die schiitischen Reihen hinaus bekanntgeworden ist.“

Eine gemeinsame Erklärung unterzeichneten der Papst und der Großajatollah jedoch nicht. Es wäre ein Erfolg für Franziskus‘ Reise gewesen. 2019 hatte er bei seinem Besuch in den Vereinigten Arabischen Emiraten ein gemeinsames Dokument mit dem Großimam Ägyptens und hohen Religionsvertreter des sunnitischen Islams, Ahmed al-Tajjib, unterschrieben. Es trug den Titel „Die Brüderlichkeit aller Menschen – Für ein friedliches Zusammenleben in der Welt“.

Interreligiöses Treffen

Nach dem Gespräch mit dem Großajatollah flog der Pontifex in die Ebene von Ur zum interreligiösen Treffen und damit dem nächsten Höhepunkt des Tages. Die Gegend blickt auf eine Jahrtausende alte Kulturgeschichte zurück. Mitten in der Wüste hatten die Veranstalter eine Bühne aufgebaut – im Hintergrund die Ausgrabungen von Jahrtausende alten Siedlungen der Sumerer.

Der biblischen Überlieferung aus dem Alten Testament zufolge stammte Abraham aus dieser Region. Der Ort hat daher für Muslime, Juden und Christen eine große Bedeutung, da alle drei Religionen Abraham als Stammvater betrachten.

Franziskus prangerte in seiner Rede vor zahlreichen Religionsvertretern die Zerstörung während des Krieges im Irak an. „Als der Terrorismus im Norden dieses werten Landes wütete, zerstörte er auf barbarische Weise einen Teil des wunderbaren religiösen Erbes, darunter Kirchen, Klöster und Gebetsstätten verschiedener Gemeinschaften“, sagte er. Zu dem Treffen waren Christen, Muslime und Jesiden geladen. Juden nahmen anders als zunächst geplant nicht teil.

Papst beeindruckt von Dawud und Hassan

Der 84-Jährige zeigte sich beeindruckt von der Geschichte der beiden jungen Männer Dawud und Hassan. Der Christ und der Muslim eröffneten zusammen ein Geschäft, um sich unter anderem ihr Studium finanzieren zu können – obwohl sie nicht derselben Religion angehören. Träume junger Menschen dürften nicht von den Konflikten der Vergangenheit zerstört werden, sagte der Argentinier.

Franziskus reiste als erster Papst in den Irak. Vor allem die Christen, die in dem Land mit 38 Millionen Einwohnern eine kleiner werdende Minderheit stellen, haben seinen Besuch lange herbeigesehnt. Sie wollte er am Sonntag treffen, wenn er in den Nordirak reist und dort unter anderem die Städte Mossul und Karakosch besucht.

dpa/dtj