Trotz eines Einbruchs der türkischen Lira nach Bekanntwerden des Ergebnisses der türkischen Parlamentswahlen gehen Ökonomen nicht von dauerhaften negativen Auswirkungen auf die türkische Wirtschaft aus. Dies berichtet die Nachrichtenagentur Anadolu.

Nach dem Verlust der absoluten Mehrheit seitens der seit 13 Jahren regierenden Adalet ve Kalkınma Partisi (Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung; AKP) stehen entweder die Bildung einer Koalitionsregierung oder baldige Neuwahlen auf dem Programm. Das Ergebnis vom 7. Juni lässt also politische Instabilität befürchten.

„Die Wirtschaft wird ihr Vertrauen in die türkische Wirtschaft trotz des Wahlausgangs nicht verlieren“, erklärt Raphael Israeli, ein Politikwissenschaftler an der Hebräischen Universität in Jerusalem.

Die internationalen Beziehungen mit Europa und dem Westen werden sich nach den Wahlen nicht grundlegend ändern, so Israeli. „Es wird Sorgen über mögliche Instabilität geben und über die Fähigkeit der neuen Regierung, die Wirtschaft zu managen. Die Türkei wird aber ein enger Verbündeter der USA bleiben, während Präsident Barack Obama das Land als wichtige Stütze betrachtet.“

Ökonomen erwarten Kapitalabfluss nur bei längerer Instabilität

Auch der in Paris wirkende Saxo-Bank-Ökonom Christopher Dembik beruhigt: Die Ergebnisse der Wahlen seien ein klares Zeichen der Vitalität der türkischen Demokratie und würden das Vertrauen der Investoren stützen.

Es könnte zwar problematischere Beziehungen zu Europa geben, aber ein radikaler Wechsel sei nicht zu erwarten. Investoren würden jedoch darauf schauen, ob die Wirtschaft auf Wachstumskurs zurückkehrt. Dembik warnte davor, dass ein Kapitalabfluss dann drohe, sollte auf die Wahl eine Phase der politischen Instabilität folgen.

„Wie auch immer, erwarten wir, dass eine stabile Regierung zustande kommen wird. Es ist auf jeden Fall zu früh, zu sagen, das Goldene Zeitalter der AKP wäre vorüber, da es innerhalb der Opposition keine glaubwürdige Alternative gibt. Der charismatische Mitvorsitzende der HDP, Selahattin Demirtaş, war die große Überraschung des Wahlkampfes, aber es wird noch eine lange Zeit dauern, ehe ihn die Menschen und andere politische Parteien als potenziellen Premierminister betrachten“, so Dembik.

Regierung darf ihre Chancen nicht ungenutzt lassen

Nach 13 Jahren an der Macht sei es logisch, dass die Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung an Boden verliere, aber die Opposition sei nicht stark genug, um eine ernsthafte Alternative für Präsident Recep Tayyip Erdoğan darzustellen.

„Unser makroökonomischer Ausblick ist immer noch positiv für die Türkei auf Grund der Kombination von niedrigen Ölpreisen, rückläufiger Inflation und einer schwächeren türkischen Lira, die dem Export hilft“, ergänzte Dembik. „Die Inflation bleibt zwar mit 7,9 Prozent im Jahresvergleich über dem Ziel der Zentralbank, aber sie sollte im Laufe der zweiten Jahreshälfte sinken. Die wirtschaftliche Situation sollte 2015 sowohl den Export als auch die Inlandsnachfrage stützen.“

Christian Schulz, einer der Chefökonomen der Berenberg Bank in Hamburg, unterstreicht ebenfalls die Bedeutung der Wahlen als Bestätigung der Stärke der türkischen Wirtschaft. Er gibt aber zu bedenken: „Vieles wird davon abhängen, was die neue Regierung im Bereich der Wirtschaftspolitik leisten wird. Es gibt Chancen, diese sollten jedoch nicht vergeben werden.“

Langfristig sollte die türkische Wirtschaft stark bleiben. „Die Regierung muss aktiv ihre Chance ergreifen, die Wirtschaft zu managen, unabhängig davon, wie sie sich politisch zusammensetzt.“