Frau mit Kind und Baby vor dem Balikli Göl in Urfa

Südostanatolien ist bekannt für sein scharf gewürztes Essen, seine temperamentvollen Menschen und vor allem für seine großen Familien. Egal, ob in den unzähligen Dörfern der Region oder in Großstädten wie Diyarbakır oder Gaziantep: Fast jede Familie in Südostanatolien fällt durch ihren Kinderreichtum auf. Eine Studie des Türkischen Statistikinstituts (TurkStat) belegt nun offiziell, dass der Südosten der Türkei die fruchtbarste Region des Landes ist.

Der Studie zufolge bekommen Frauen in den südostanatolischen Provinzen im Durchschnitt 3,47 Kinder. Spitzenreiter in Sachen Kindersegen ist dabei die südostanatolische Provinz Şanlıurfa, wo im Jahre 2012 jede Frau im Schnitt 4,39 Kinder bekommt.

Auffallend ist, dass in wirtschaftlich besser entwickelten Regionen der Türkei die Geburtenrate im Schnitt niedriger ist. So verzeichnen der wirtschaftlich besser entwickelte Norden und Westen der Türkei eine deutlich niedrigere Geburtenrate der Osten des Landes.

Der fruchtbare Südosten der Türkei

Bekommen Frauen aus Nordostanatolien der Studie zufolge durchschnittlich 2,84 Kinder und Frauen aus Zentralanatolien 2,04 Kinder, werden die Werte immer kleiner, je weiter man nach Norden und vor allem nach Westen geht. In der Mittelmeerregion liegt die durchschnittliche Geburtenrate bei 2,19 und damit knapp über dem Durchschnittwert der gesamten Türkei.

In Westanatolien liegt die Geburtenrate bei 1,82 Kindern pro Frau, in dem östlichen Teil der Marmararegion bei 1,78 Kindern pro Frau und in der in der westtürkischen Ägäisregion nur noch bei durchschnittlich 1,72 Kindern pro Frau. In der westlichen Marmararegion bekommt eine Frau im Durchschnitt noch 1,61 Kinder. Das Schlusslicht bei der durchschnittlichen Geburtenrate ist der Studie zufolge die ostthrakische Provinz Kırklareli in der Westtürkei. Dort bekommt eine Frau im Durchschnitt 1,43 Kinder.

TurkStat prognostizierte einen Rückgang der türkischen Gesamtbevölkerung in den nächsten 40-50 Jahren, sollte sich die Geburtenrate weiterhin auf dem aktuellen Niveau bewegen. Der Studie zufolge lag die Geburtenrate von türkischen Frauen zwischen 15 und 49 Jahren 2009 bei 2,08 Kindern pro Frau. 2010 lag der Wert bei 2,06, 2011 bei 2,02 und 2012 bei 2,08 Kindern pro Frau.

Damit liegt man immerhin noch ungleich besser als Westeuropa: In Deutschland liegt die jährlich vom Statistischen Bundesamt zusammengefasste Geburtenziffer seit Ende der 1990er-Jahre etwa relativ konstant bei 1,4 Kindern je Frau.

Elf Provinzen mit durchschnittlich drei Kindern je Frau

Obwohl für die Türkei insgesamt ein leichter Bevölkerungsrückgang vorhergesagt wird, wird die Bevölkerung Südostanatoliens der Studie zufolge jedoch auch in Zukunft wachsen. In elf der insgesamt 81 Provinzen der Türkei bekommen Frauen der Studie zufolge im Schnitt mehr als drei Kinder. Alle dieser Provinzen liegen im Osten bzw. Südosten: Hinter der Babyboomer-Hochburg Şanlıurfa folgen Şırnak (4,1 Kinder pro Frau), Ağrı (4,0), Siirt (3,8), Muş (3,57), Van (3.52), Bitlis (3,44), Batman (3,36), Mardin (3,34), Diyarbakır (3,19), Gaziantep (3,0) und schließlich Iğdır (2,99).

Die Studie gibt zwar Aufschluss über die regionalen Unterschiede, nicht jedoch über die soziale bzw. ethnische Herkunft der kinderreichen bzw. kinderarmen Familien. Neben der vergleichsweise unterentwickelten Wirtschaft sind für Südost- bzw. Ostanatolien vor allem der hohe kurdische Bevölkerungsanteil und die oft vorherrschenden traditionellen Familienstrukturen entscheidende Merkmale.

Die Terrorgruppe PKK konnte bislang von der Perspektivlosigkeit vieler Jugendlicher im unterentwickelten Südosten des Landes profitieren und passte ihre Langzeitstrategie auch den lokalen Familienstrukturen an.

Die türkische Regierung versucht mit einem Investitionsförderpaket zur Unterstützung von Industriegebieten in Südostanatolien die wirtschaftliche Entwicklung der Region anzukurbeln.

*Die Turkstat Studie stützt sich auf Daten des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen.