Mit kontroversen Äußerungen hat der stellvertretende türkische Premierminister Bülent Arınç (Foto) am Montag im Rahmen einer von der regierenden Adalet ve Kalkınma Partisi (Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung; AKP) organisierten Veranstaltung zum Ramadanfest aufhorchen lassen.

In seiner Rede stellte Arınç fest, auch die türkische Gesellschaft werde von moralischem Verfall heimgesucht und tat seine eigenen Gedanken darüber kund, worauf geachtet werden sollte, um diesem entgegenzuwirken.

Arınç kritisierte in diesem Zusammenhang unter anderem TV-Shows, die seiner Auffassung nach „Sexsucht“ unter Teenagern begünstigten und den leichten Zugang zu sozial schädlichen Webseiten. Diese würden zu einem moralischen Verfall führen, der sich wiederum unter anderem in der zunehmenden Gewalt gegen Frauen manifestiere.

Die Lektüre des Korans sei ein wichtiges Instrument, um der Entwicklung gegenzusteuern. Allerdings sollten die Menschen im Land auch selbst darauf achten, wie sie zu einer „moralischen Wiederaufrüstung“ beitragen könnten.

Keuschheit sei dabei von hoher Wichtigkeit. „Sie ist die Zierde einer Frau“, betonte Arınç. „Auch Männern ist sie vorgeschrieben. Er soll kein Frauenheld sein und seiner Frau treu bleiben. Aber auch die Frau soll darüber Bescheid wissen, was sie zu mahram oder nicht mahram macht.“ Diese Unterscheidung bezieht sich im Islam unter anderem auf die Frage der Heiratswürdigkeit.

Die Keuschheit beginne Arınç zufolge jedoch bereits weit im Vorfeld sexueller Intimitäten. Die keusche Frau, so Arınç, „wird nicht vor jedermann laut loslachen und ihre Reize zur Schau stellen“. Zu den Frauen, die an der Veranstaltung teilnahmen, gewandt, meinte Arınç: „Wo sind unsere Mädchen, die leicht erröten, ihren Kopf senken und die Augen abwenden, wenn wir in ihre Gesichter schauen, und somit zu einem Symbol der Keuschheit werden?“

İhsanoğlu: „Nichts brauchen wir so sehr wie das fröhliche Lachen von Frauen“

Arınç beschwerte sich auch über die verloren gehende Kommunikationskultur. Er meinte zu den Frauen außerdem, es wäre unnötig, „stundenlange“ Gespräche am Handy zu führen. Kochrezepte austauschen und Klatschgeschichten erzählen sollten Frauen vielmehr bei persönlichen Treffen, so der Politiker.

Zeitungen leiteten aus den Äußerungen des Erdoğan-Stellvertreters ab, dieser wolle „Frauen in der Öffentlichkeit das Lachen verbieten“. 

Der Kandidat der Oppositionsparteien zu den Präsidentschaftswahlen in der Türkei am 10. August, Ekmeleddin İhsanoğlu, schrieb auf Twitter, nichts brauche die Türkei so sehr wie das fröhliche Lachen von Frauen. Die Fernsehjournalistin Banu Güven rief zu wöchentlichen Lach-Kundgebungen von Frauen auf.