Querschläger bedrohen die Bewohner von Orten an der türkisch-syrischen Grenze..

Seit jeher ist der Grenzort Ceylanpınar eng mit Syrien verbunden: Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges waren Ceylanpınar und das nun zu Syrien gehörende Raʾs al-ʿAyn eine einzige Stadt. Heute verbindet die Bewohner vor allem die Angst, Opfer des Bürgerkrieges in Syrien zu werden. Für die knapp 44 000 Einwohner Ceylanpınars findet der Bürgerkrieg im Nachbarland tagtäglich in Sicht- und Hörweite statt – und immer öfter schlagen hier verirrte Kugeln und Granaten ein.

Vier Menschen starben in dem Ort bisher durch Querschläger aus Syrien, über 40 wurden zum Teil schwer verletzt. Abdurrahman Gündüz, Vater des ersten Toten in Ceylanpınar, Mehmet Gündüz, sagte, er und seine Familie müssten jeden Abend mit großer Angst zu Bett gehen. An den Wänden der Schlafzimmer der Familie sind Kissen befestigt – ein verzweifelter Versuch, sich gegen die aus dem Nachbarort kommenden Kugeln zu schützen. Um Ceylanpınar zu verlassen und seine restliche Familie in Sicherheit zu bringen, fehle ihm schlicht und einfach das Geld, sagte Gündüz.

Querschläger machen Schulbesuch lebensgefährlich

Nachdem sein Sohn durch ein syrisches Geschoss starb habe Premierminister Erdoğan ihn persönlich angerufen und ihm versichert, sein Sohn würde den Status eines “Märtyrers” erhalten und die Familie solle fortan finanzielle Unterstützung des türkischen Staates erhalten, so Gündüz. Davon sei bis heute jedoch nichts zu sehen, beklagte der trauernde Vater.

Die Hauptstraße des Ortes verläuft parallel zur syrischen Grenze und ab und zu finden Kinder hier Kugeln oder Granatsplitter. Viele Eltern fürchten außerdem um das Wohl ihrer Kinder, die in der Schule genau wie zu Hause den Querschlägern schutzlos ausgeliefert sind. Die Schüler einer in unmittelbarer Grenznähe liegenden Schule wurden bereits auf eine andere Schule geschickt, doch das mindert die Sorge der Eltern wenig.

Der Distriktsdirektor für Bildung, Mehmet Emin Dağlı, bestritt jedoch, dass Einwohner Ceylanpınar die Stadt aus Angst vor Querschlägern verlassen hätten. Obwohl das Thema Sicherheit für die Familien der Stadt an Bedeutung gewonnen habe, seien bislang keine Kinder aus dem Ort in Schulen anderer Regionen eingeschrieben worden, so Dağlı. Er forderte jedoch ein Rehabilitations-Zentrum für Lehrer und Schüler, die durch die angespannte Lage psychisch belastet würden.

Die türkische Zeitung “Today’s Zaman” berichtete am Mittwoch, dass sowohl Dağlı als auch der Bürgermeister Ceylanpınar, Musa Sarı, dessen Haus erst vor einigen Tagen von Querschlägern getroffen wurde, ihre Familien aus Ceylanpınar in ihre Heimatorte – und damit in Sicherheit – gebracht hätten.

Ceylanpınar, Akçakale, Reyhanlı – die Gewalt schwappt in die Türkei

In Raʾs al-ʿAyn ist die Lage für die 55 000 Einwohner durch die anhaltenden Kämpfe prekär. Die zwei wichtigsten Einkommensquellen der Stadt, die Landwirtschaft und der Handel, sind zum Erliegen gekommen. Das gesellschaftliche Gefüge in der Stadt, die vor dem Krieg Heimat für christliche Aramäer, sunnitische Araber und Kurden und aus dem Kaukasus nach Syrien eingewanderte Volksgruppen war, ist durch den Einfluss von Extremisten und die Politik des syrischen Regimes zerstört worden. Ein Großteil der Bewohner Raʾs al-ʿAyns hat den Grenzort auf Grund der Kämpfe mittlerweile verlassen.

Al-Qaida nahestehende Bürgerkriegs-Brigaden – allen voran “Dschabhat al-Nusra” – kämpfen mit Einheiten der „Partiya Yekitîya Demokrat“ (dt. „Partei der Demokratischen Union“, Kürzel PYD) um die Kontrolle der strategisch wichtigen türkisch-syrischen Grenzübergänge.

Am 18. Juli eroberten kurdische Kämpfer die Stadt, doch die Gefechte dauern an.

Doch Ceylanpınar ist nicht die einzige türkische Stadt, Şanlıurfa nicht die einzige türkische Region, die von der Gewalt in Syrien unmittelbar betroffen ist. Der türkische Ort Akçakale und seine syrische Zwillingsstadt Tall Abyad leiden ebenfalls unter den Gefechten zwischen kurdischen Milizen und Rebellenbrigaden aus den Randbereichen der zersplitterten syrischen Opposition. Im Oktober 2012 starben bei einem Granateneinschlag auf der türkischen Seite der Grenze dort mehrere Menschen. Sowohl in Akçakale als auch in Ceylanpınar gibt es für die verschiedenen Bürgerkriegsparteien strategisch wichtige Grenzübergänge.

Der türkische Grenzort Reyhanlı wurde im Mai von zwei schweren Autobomben erschüttert.

Die türkische Polizei vereitelte Ende August anscheinend einen weiteren Bombenanschlag in der Türkei, als an der syrischen Grenze in der türkischen Provinz Kilis ein mit 177 Kilogramm Sprengstoff beladenes Auto entdeckt wurde. (cs)