Aleviten in einem

Im September wurden zahlreiche Hoffnungen geweckt, dass das Demokratiepaket der Regierung in Ankara auch Schritte beinhalten würde, welche die Anliegen der alevitischen Gemeinschaft in der Türkei betreffen. Leider wurden gerade diese in der am Ende vorgestellten Fassung des Pakets schmerzlich vermisst.

Um der verständlichen Enttäuschung entgegenzuwirken, kündigte die Regierung ein spezielles Alevitenreformpaket an, das gegen Ende dieses Jahres offengelegt werden soll. Bis jetzt wurde jedoch weder ein festes Datum genannt, noch eine auch nur kleine Information bezüglich des Inhaltes preisgegeben, was umso mehr befremdet.

Die Religionsfreiheit ist ein fundamentales Recht, das entsprechend entschlossen vom Staat geschützt und respektiert werden muss. Die Türkei hat diesbezüglich auch alle relevanten internationalen Verträge unterzeichnet, die dieses Recht garantieren. Momentan ist man aber weit davon entfernt, diese Verträge auch vollständig zu erfüllen.

Während mit Blick auf nichtmuslimische Minderheiten durchaus bereits einige Schritte in die richtige Richtung vorgenommen wurden, bleiben andere wesentliche Herausforderungen unbewältigt, beispielsweise mit Blick auf die Aleviten.

Die Türkei ist offiziell ein säkularer Staat, der sunnitische Islam allerdings so etwas wie die inoffizielle Staatsreligion. Jedoch machen die Aleviten nach den Sunniten die zweitgrößte Religionsgemeinschaft mit geschätzten 15-20 Millionen Angehörigen aus. Dennoch gehört die alevitische Gemeinschaft zu den am schlechtesten behandelten Gruppen in der Türkei, was auch im Fortschrittsbericht 2013 für die Türkei durch die Europäische Kommission kritisch angemerkt wurde.

Aleviten sind kein Spielball der Schia

Während das Alevitentum häufig unter dem schiitischen Glaubensbekenntnis kategorisiert wird, gibt es zur Schia doch erhebliche Unterschiede. Obwohl die Aleviten wie die Schiiten die Nachfahren des Propheten Muhammads – die zwölf Imame – als heilig erachten, sehen sie diese gleichzeitig auch als philosophische Anführer. Philosophie, die menschliche Entwicklung und menschliche Ideale sind wichtige Grundpfeiler des alevitischen Glaubens. Darüber hinaus unterscheidet sich im Wesentlichen auch die Rolle der Frau vom schiitischen Glauben. Eine Verschleierung ist unüblich. Auch gibt es keine Geschlechtertrennung beim Gebet. Bei religiösen Zeremonien und Festen sind die Frauen neben den Männern anwesend.

Heute erfahren die Aleviten immer noch ernste Probleme bezüglich ihrer offiziellen Anerkennung und der Möglichkeit der Religionsausübung.

Der alevitische Gottesdienst wird in einem sogenannten Cemevi praktiziert, das nach wie vor nicht als Gebetshaus anerkannt wird. Deshalb gibt es auch keine finanzielle Hilfe vom Staat für die Aleviten beim Bau und der Erhaltung ihrer Religionsstätten, wohingegen für Moscheen solche Leistungen gewährt werden. Darüber hinaus bekommen Aleviten auch keine finanzielle Unterstützung für ihr religiöses Personal, das in diesen Einrichtungen arbeiten soll. Der Staat sieht das Alevitentum als eine andersgläubige muslimische Sekte an und leistet deshalb keine Unterstützung.

Aleviten werden nicht von sunnitischer Religionskunde freigestellt

Es gibt auch keine Fortschritte im Hinblick auf die obligatorische religiöse Bildung in staatlichen Schulen, da diese sich nur auf den sunnitischen Islam fokussiert und andere Zweige ignoriert. Juden und Christen sind auf Grund des Vertrags von Lausanne aus dem Jahre 1923 generell dazu berechtigt, solchen Kursen fernzubleiben – Aleviten nicht.

Viele Aleviten haben sich mit diesem Anliegen schon an die Diyanet (Staatliches Amt für religiöse Angelegenheiten) gewandt. Während einige die Abschaffung der Diyanet fordern, möchten viele Verbände eine gleichberechtigte Repräsentation. Das jährliche Budget der Diyanet beträgt in etwa zwei Milliarden Euro. Wenn man die Rechnungen für religiöse Schulen, Universitätsfakultäten und das Marketing mit einbezieht, beläuft sich der Betrag auf fünf Milliarden Euro. Derzeit erhalten Aleviten keinen Anteil davon.

Obwohl dieses Problem nicht von der AKP geschaffen wurde, hat es sich aktuell durch ihre widersprüchliche Herangehensweise verschlimmert. Einerseits wird über Veränderung und die Wichtigkeit aller Freiheiten gesprochen – wie dies auch Premierminister Minister Recep Tayyip Erdoğan während seines Besuchs in Diyarbakır unterstrich -, gleichzeitig tätigt er jedoch diskriminierende Aussagen.

Spalterische Rhetorik aus Ankara

Als Erdoğan zum Beispiel das Attentat in Reyhanlı verurteilte, bezog er sich zu einem früheren Zeitpunkt des Jahres auf „52 sunnitische Bürger“. Das war das erste Mal, dass ein türkischer Premierminister eine solche konfessionelle Beschreibung benutzte.

Eine zweite kontroverse Aussage kam vom Parlamentsvorsitzenden Cemil Çiçek, als Reaktion auf die Forderung, ein Cemhaus im Parlamentsgebäude zu errichten. Çiçek behauptete, das Alevitentum sei ein Teil des Islams und die Gebetseinrichtungen im Islam seien die Moscheen. In diesem Sinne sei es nicht möglich, über Cemhäuser als Gebetsstätte nachzudenken.

Eine solche Herangehensweise ist jedoch inakzeptabel und widerspricht der Rhetorik der Regierung, wonach die Türkei ein Land der Gleichberechtigung sei, in dem „keine Kultur und Identität abgelehnt werden könnte“. Wenn einige ihrer Bürger die Cemhäuser als Gebetseinrichtung ansehen, dann muss der Staat dies auch so wahrnehmen und respektieren. Die Regierung muss wie versprochen die nötigen Reformen in die Wege leiten und diese nicht als Fensterschmuck für die künftigen Wahlen benutzen.

Autoreninfo: Amanda Paul ist Britin und arbeitet als freie Journalistin. Sie befasst sich mit geo- und außenpolitischen Themen. Besonders interessiert sie sich für die türkische Innen- und Außenpolitik.