Die türkische Nationalmannschaft vor dem Spiel gegen Holland 2014.

1950 fand die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien statt, an der die Türkei nicht teilnahm. Der Grund war nicht die Erfolglosigkeit; sie hatte sich schon qualifiziert. Aber die Entfernung war zu groß, die lange Anreise zu beschwerlich, die Kosten zu hoch. Also verzichtete man darauf – von sich aus. 64 Jahre später, 2014, wird die Fußball-Weltmeisterschaft wieder in Brasilien stattfinden, die Türkei wird daran wieder nicht teilnehmen. Diesmal liegt es nicht an der langen Entfernung oder an den gescheuten Ticket- oder Übernachtungskosten, sondern einzig am mangelnden sportlichen Erfolg. Die Türkei hat sich einfach nicht qualifiziert – wie so oft vor wichtigen internationalen Turnieren in der jüngeren Vergangenheit.

Stellt sich die Frage: Warum? Warum ist die Türkei erfolglos? Liegt es an den Spielern? Können die Türken einfach keinen Fußball spielen? Können sie nicht laufen, haben sie keine Kondition, fehlt es ihnen an Spielintelligenz? Oder haben sie einfach Pech gehabt? Oder liegt es vielleicht an etwas anderem, an etwas Verborgenem, das hinter all den sichtbaren Ursachen steckt? Ich denke, an den ersten beiden Faktoren liegt es nicht. Es liegt nicht an den Spielern. Wenn dies so wäre, dann wären türkische Spieler, die anderswo ausgebildet wurden und ihr Geld verdienen, nicht so erfolgreich, siehe Mesut Özil, siehe Nuri Şahin, İlkay Gündoğan.

Mal würde Italien gewinnen, mal San Marino

Einfach an fehlendem Glück kann es auch nicht liegen. Wenn es so wäre, dann wären nicht immer die gleichen Länder erfolgreich; mal würde Italien den Pokal holen, mal San Marino. Ohne Frage – der Faktor Glück spielt im Fußball schon eine Rolle, aber nicht immer durchgehend, nicht immer entscheidend. Ich glaube, es liegt an der Kultur, an der Mentalität. Daran, dass die Priorität nicht in der Sache, sondern an der eigenen Person liegt. Genauer: Die Kultur der Übernahme der politischen Verantwortung, das Ziehen von Konsequenzen aus Erfolglosigkeit. Dies scheint nicht so entwickelt zu sein. Vielmehr scheint man das Prinzip beherzigt zu haben: Einmal oben, immer oben. Oder: Win or Lose – my Club. Oder: My Job is my castle.

Egal ob sich die türkische Nationalmannschaft qualifiziert oder nicht: Die Fußball-Verantwortlichen, die Funktionäre in der Türkischen Fußball-Föderation bleiben. Egal ob Fenerbahçe Istanbul wegen eines Korruptionsskandals aus europäischen Wettbewerben ausgeschlossen wird oder nicht: Der Präsident bleibt in Amtswürden. Anstatt politische Verantwortung zu übernehmen und seinen Hut zu nehmen oder zumindest Selbstkritik zu üben, sucht man die Schuld lieber bei anderen, entwirft gar Verschwörungstheorien. Und dazu das Freund-Feind-Denken, eine martialische Rhetorik, so dass auch jeder weiß, man sei bereit, bis zum äußersten, bis zum bitteren Ende zu gehen, gar sich zu opfern.

Erfolg ist: Verlieren und trotzdem bleiben?

In der Politik sieht es nicht anders aus. Der Erfolg der Parteivorsitzenden misst sich nicht an den Wahlerfolgen. Mögen ihre Stimmenanteile von Wahlen zu Wahlen kleiner werden: Anlass zu Konsequenzen sieht man nicht. Stattdessen betreibt man wieder Lagerdenken, Verschwörungstheorien, Fundamentalopposition. Klein aber mein, das scheint die Devise zu sein. So aber lernt man nicht aus den Fehlern, macht keine guten Fortschritte. Und das Schlimmste: Man qualifiziert sich nicht, die eigenen Spieler lösen das Ticket nicht für die großen Turniere als Teilnehmer, sondern höchstens für Lokale mit Bezahlfernsehen als Zuschauer – weil die eigenen Fernsehanstalten die Spiele nicht unverschlüsselt übertragen, wenn die eigene Mannschaft fehlt.

Ob so ein Ticket viel Wert ist?