In der europäischen Presse nimmt man den klaren Wahlsieg des türkischen Premierministers Recep Tayyip Erdoğan eher widerwillig zur Kenntnis und erneuert bereits zuvor geäußerte Bedenken hinsichtlich eines autoritären Kurses in der Türkei.

So kommentiert etwa „Le Figaro“ aus Frankreich: „Erdoğan, der allmächtige Präsident. Sein Sieg verlängert die autokratische Herrschaft an der Spitze des Landes noch einmal um fünf Jahre.“ Der britische „Daily Telegraph“ schlagzeilt: „Historische Wahl gibt Erdoğan einen festeren Zugriff auf die Türkei.“

Der „Independent“ titelt: „Der neue Sultan – Erdoğans Triumph bei den Präsidentschaftswahlen macht einen Ruck zum Autokratismus wahrscheinlicher.“

Der „Corriere della Sera“ (Italien) meint: „Nach dem triumphalen Erfolg des ‚Sultans‘ Erdoğan schlägt die Opposition Alarm: Das Land wird faktisch eine Präsidialrepublik und man befürchtet ein islamisches Abdriften.“

„El País“ (Spanien) sagt voraus: „Erdoğan will wenigstens bis zur Hundertjahrfeier des modernen türkischen Staates im Jahr 2023 an der Macht bleiben.“ Die aus dem gleichen Land stammende „La Vanguardia“ meint: „Die Türken geben Erdoğan einen Blankoscheck.“

Einzig der russische „Kommersant“ scheint zu bemerken, dass es für ein Präsidialsystem noch weit und breit keine verfassungsrechtliche Grundlage gibt: „Für Erdoğan ist dies eher ein symbolischer Sieg. Der aktuellen Verfassung nach bekommt er damit noch keine realen Vollmachten. Der Machtkampf in der Türkei steht erst bevor.“

„Mann der Straße, nicht der Elite“

Ein gewisses Maß an Bewunderung äußert „Libération“ (Frankreich), die schreibt: „Erdoğan ist ein außergewöhnliches politisches Talent.“ Und auch Italiens „La Repubblica“ meint: „Erdoğans Macht im Land ist intakt, sein politischer Spürsinn einzigartig. Sein Charisma lässt ihn alle Wahlen gewinnen, das Volk sieht ihn nicht als Mann der Elite, sondern der Straße an.“

Der „Tages-Anzeiger“ (Schweiz) meint: „Erdoğan hat viel geleistet in elf Regierungsjahren, er hat viele Türken stolz auf ihr Land gemacht. Aber er macht mit seiner Jagd nach der absoluten Macht und seinem Furor gegen jeden politischen Gegner vielen auch Angst.“

In Südzypern stellt man sich Sachfragen. „Phileleftheros“ schreibt: „Neues Kapitel in der Geschichte der Türkei. Erdoğan hat versprochen, die Zypernfrage zu lösen. Wir sind gespannt.“ In Israel denkt man schon weiter. „ynet“ meint: „Die Identität des nächsten türkischen Ministerpräsidenten wird auch die Beziehungen zwischen Israel und der Türkei beeinflussen.“