Seitdem die Korruptionsbeschuldigungen gegenüber ranghohen Politikern, Unternehmern und Beamten nach monatelang geheim geführten Ermittlungen an die Öffentlichkeit gedrungen sind, ist die Politik der AKP irrational geworden. Sie missachtet Gesetze, versetzt willkürlich hochrangige Polizeibeamte, setzt Gerichte und Staatsanwälte unter Druck und erklärt die Vorgänge mit Verschwörungstheorien. Es sei der Westen – namentlich Israel, die USA und deren Verbündeten im Inland –, der Premierminister Recep Tayyip Erdoğan und die AKP stürzen wolle.

Nehmen wir mal an, die Erklärung, es seien ‚finstere ausländische Mächte’ hinter den Ereignissen, sei richtig. Warum sollte man dann mit dem Finger nur in Richtung Westen zeigen? Könnte es nicht genauso gut auch sein, dass der südöstliche Nachbar der Türkei – der Iran – hinter der Korruptionsaffäre steht? Und dass dieser mittels der Affäre die Türkei schwächen will, um dann in einem zweiten Schritt selbst die Führungsrolle im Nahen Osten zu übernehmen?

Indizien für diese (Verschwörungs-)Theorie könnten aus der nahen Vergangenheit, der türkischen Innenpolitik und aus dem Alltag angeführt werden.

Der unbekannte Nachbar

Der Iran ist eines der Länder, über die man ziemlich wenig weiß. Ein Land, das der Türkei und den Türken viel näher ist als umgekehrt. Wenn ich von dem „unbekannten“ Iran spreche, dann meine ich nicht nur das Land, dessen Sprache und Literatur über Jahrhunderte die anatolischen Türken geprägt hat. Als Beispiel sei hier nur das in persisch verfasste Meisterwerk von Mevlana Celaleddin Rumi (ges. 1273) genannt. Iran ist das Herz des schiitischen Islams und zudem mit seinen Öl- und Gasreserven einer der wichtigsten Akteure des Mittleren Ostens. Und mit diesen Eigenschaften auch ein Konkurrent der Türkei auf der internationalen Ebene, wo es um Macht und Einfluss geht. Was ja soweit nichts schlimmes ist, da ja Konkurrenz das Geschäft belebt.

Der „unbekannte“ Iran – über dessen Einfluss zu wenig in der türkischen Öffentlichkeit bekannt ist – ist die „islamische“ Republik Iran. Seitdem Ajatollah Khomeini den Schah gestürzt und im April 1979 die „islamische Revolution“ ausgerufen hat, ist das Land bemüht, die Revolutionsidee in alle Welt zu exportieren. Auch in die Türkei und in die türkische Diaspora in Europa. Die iranische Revolution hat durchaus in den vergangenen 35 Jahren einen beachtlichen Einfluss auf den politischen Islam und einen subtilen auf die normalen Muslimen ausgeübt. Es ist ein offenes Geheimnis, dass es einen starken Pro-Iran-Flügel sowohl in der AKP als auch in der türkischen Bürokratie gibt, die beide enge Kontakte nach Teheran pflegen. „Was hat das jetzt mit Deutschland zu tun?“, könnte man sich fragen. „Viel“, würde ich antworten.

Konvertit Ali und seine Begeisterung für Khomeini

Ich bin in den 1980er Jahren in einer unabhängigen Moscheegemeinde religiös sozialisiert worden, die sich später dem DITIB-Dachverband angeschlossen hat. In dem Verein gab es auch Angebote für Jugendliche. Ich erinnere mich noch recht gut an einen Deutschen, der Anfang der 1990er in regelmäßigen Abständen „meine“ Moscheegemeinde besuchte. Sein Name war Muhammed Ali. Inspiriert durch die Revolution im Iran war er zum Islam konvertiert und trug fortan stets ein Foto des Revolutionsführers Ayatollah Khomeini bei sich. Nach einiger Zeit stellte der junge Mann die Besuche in unserer Moschee ein. Den Grund hierfür erfuhr ich per Post. Eines Tages lag in meinem Briefkasten ein Brief aus der iranischen Stadt Ghom. Muhammed Ali teilte mir mit, dass er im Iran sei, um mehr über seine Religion zu lernen. Er schilderte mir ausführlich seine Erlebnisse und die Verhältnisse in der Islamischen Republik nach dem Tod des Revolutionsführers. Nach einigen Jahren kam er wieder nach Deutschland zurück und wir trafen uns noch einige Male. Ali war enttäuscht von der Revolution, während viele andere in der Revolution den Sieg über den „ungläubigen Satan“ USA und Israel sahen.

Erdogan Iran

Die Revolution als Exportware

Deutsche Konvertiten wie Ali sind nicht die Einzigen, die den Iran seit den Tagen der Revolutionseuphorie bereisen. Auch viele Sunniten aus meinem breiten Bekanntenkreis waren fasziniert von der ‘islamischen Revolution’ und machten sich auf dem Weg in die Heimat Khomeinis. Eine andere Erinnerung aus den achtziger Jahren ist die Folgende: Ein Mitglied des sunnitischen Qadiri-Ordens nahm Kontakt mit der iranischen Botschaft auf. Er stellte sich freiwillig in den Dienst der Revolution und verteilte die Revolutionszeitung Keyhan an türkische Haushalte.

Ich selbst fand die Idee der Revolution – egal ob islamisch oder sozialistisch gefärbt – schon damals als „unislamisch“ und war gegen die Instrumentalisierung der Religion für Macht und Politik.

Die Bemühungen des Iran, Einfluss auf hiesige Türken auszuüben, setzen sich bis in die Gegenwart fort. Auch heute reisen Funktionäre von türkischen NGOs oder junge deutsche Abiturienten, die meinen, ihr Heil im Schiitentum gefunden zu haben, in den Iran. Über die Wirkung der iranischen Soft Power auf die türkische Gesellschaft gibt es weder ausreichende Untersuchungen noch wird genug darüber diskutiert. So oft wie in den letzten 35 Jahren in der Türkei über die Hizmet-Bewegung, ein anatolisches Eigengewächs, diskutiert wurde und wird, haben die Türken über den iranischen Einfluss nicht einmal im Ansatz diskutiert. Wieso?

Der Iran als neuer Liebling des Westens?

Der Iran hat mit dem neugewählten Präsidenten Hassan Rohani im vergangenen Jahr seine Haltung zum Westen geändert. Statt wie früher ausschließlich Hass und Rache zu propagieren, versendet er nun – zumindest ab und an – auch Friedensbotschaften. Im Syrienkonflikt und in der – insbesondere für die Sicherheit Israels – wichtigen Atomfrage ist der Iran dem Westen entgegengekommen. Rohani hat vor kurzem in einem Gastbeitrag in der Süddeutschen Zeitung betont, dass die Atombombe nicht mit islamischen Werten übereinstimme und der Iran in einer instabilen Region einen wichtigen Beitrag zum Frieden leisten könne. Dafür müsse der Westen jedoch die Rolle des Iran in der Region respektieren, so Rohani.

Iran statt der Türkei?

Erleben wir gerade einen Rollentausch zwischen der Türkei und dem Iran auf der internationalen Bühne? Die Regierung in Ankara bemüht Verschwörungstheorien als Erklärung für innenpolitische Konflikte. Das ist ein typisches Verhalten von Revolutionären und Islamisten. Sie übernimmt somit einen politisch-irrationalen Erklärungsansatz aus dem schiitischen Nachbarland.

Während sich die Türkei Tag für Tag von den Kopenhagener Kriterien abwendet und die Regierung in Ankara immer autoritärere Züge annimmt, bemüht sich der Iran darum, die Wogen gegenüber dem Westen zu glätten. Es wäre wenig verwunderlich, wenn der Iran in den kommenden Jahren seine politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Israel und dem Westen verbessert und vom Feind zum Freund mutiert. Falls der Iran dies schaffen sollte, würde er zum nahöstlichen Liebling der Großmächte und zur Führungsmacht der islamischen Welt werden. War das nicht das Ziel der AKP-Regierung unter Erdoğan?