Hagia Sophie von Innen - reuters

„Freitag der 21. August 2020: Alle warten mit großer Neugier und Ungeduld auf diesen Moment. Gleich wird der Gebetsruf zum Mittagsgebet stattfinden. (…) Linke, Rechte, Sozialisten, Kommunisten, Islamisten, Nationalisten, Gläubige, Ungläubige, alle sind zusammengekommen. (…) Alle Augen sind auf die Minarette der Hagia Sophia gerichtet. Der Muezzin hält mit einer Hand das Mikrofon und die andere führt ihm an sein Ohr. Sein Herz schlägt vor Aufregung bis zum Hals. Er ist so aufgeregt, dass er fast in Ohnmacht fällt. Doch er darf nicht in Ohnmacht fallen, er muss diese Pflicht erfüllen. Denn der nächste Moment wird in die Geschichte eingehen. (…) Nach fast sechs Jahrhunderten wird auf dem Minarett der Hagia Sophia erneut zum ersten Mal zum Gebet gerufen. Die ganze Welt schaut gebannt auf diesen Ort.

Und dann kommt der Moment… Der Muezzin ruft vor Augen der ganzen Welt „Allahu akbar, Allahu akbar“. Er ruft zum Gebet, doch gleichzeitig weint er. Dies ist ein ganz anderes, ungewöhnliches Gefühl…“

Noch vor sieben Jahren im Jahre 2006, wo diese Sätze in dem Buch „Mehdix“ auftauchten, hielten die meisten Leser das Geschriebene für eine gut gelungene Utopie-Erzählung. Turgay Güler, der Verfasser von „Mehdix“, erzählt in seinem Fantasieroman unter anderem darüber, wie die Hagia Sophia (türkisch: Ayasofya) in Istanbul als Moschee wiedereröffnet wird.

Vor allem in den letzten zwei Monaten gab es in den türkischen Medien tatsächlich eine große Anzahl an Meldungen über die Hagia Sophia und die Idee ihrer Wiedereröffnung als Moschee. Doch was alles hat sich eigentlich ereignet, sodass die Verwirklichung dieser einst als utopisch erscheinenden Idee am Ende nun doch als möglich, wenn nicht sogar wahrscheinlich scheint? Lassen wir noch einmal Revue passieren, was alles mit dazu beigetragen hat, dieses Thema wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit geraten zu lassen.

Predigt zum Opferfest

Zum diesjährigen Opferfest hielt der Hauptprediger der Sultanahmet-Moschee, Mustafa Akgül, eine Predigt. In dieser bat er um die Eröffnung der Hagia Sophia als Moschee: „Es werden in diesen Tagen Geschenkpakete geöffnet, viele unserer Brüder und Schwester bringen ihre Wünsche zu Papier. Wir freuen uns sehr darüber, da jeder sich das wünschen kann, was er möchte. Wollen wir denn an diesem Festtag nichts von diesen Geschenken eröffnen, nichts an Wünschen äußern? Die Sultanahmet-Moschee ist heute voll, die gesamte Gemeinde hat sich versammelt. Doch die Hagia Sophia weint, sie ist traurig. Auf wie viele Geschenke müssen wir noch warten, bis die Hagia Sophia als Moschee eröffnet wird? Die Hagia Sophia ist groß, aber kann sie zu groß sein, um in unsere Herzenswünsche zu passen? Irgendwann muss die Hagia Sophia wieder als Moschee eröffnet werden.“

1453 wurde die Hagia Sophia, nach der Eroberung Istanbuls durch das Osmanische Reich, von Fatih Sultan Mehmet in eine Moschee umgewandelt. Diese historische Stätte wurde 1934 durch die Entscheidung des türkischen Ministerrats zu einem Museum umfunktioniert.

Anordnung zur Umwandlung in ein Museum ist gefälscht

Der Abgeordnete zur Großen Nationalversammlung von Kayseri, Yusuf Halacoğlu (MHP), hat herausgefunden, dass die Anordnung vom 07.11.1934, welche bestimmt, dass die Hagia Sophia als Museum dienen soll, gefälscht und zudem nicht gehörig kundgemacht worden sei. Aus diesem Grund hat er am 07.11.2013 im Parlament einen Gesetzesantrag eingebracht, der die Wiedereröffnung der Hagia Sophia als Moschee möglich machen soll.

„Die Anordnung vom 07.11.1934, welche festgelegt hat, dass die Hagia Sophia als Museum dienen soll, ist gefälscht. Sie wurde nicht im Amtsblatt veröffentlicht. Bei der Unterfertigung wurde der Name „Atatürk“ benutzt, obwohl Mustafa Kemal seinen Nachnamen als „Atatürk“ damals noch nicht verliehen bekommen hatte. Während sie für das Gebet geöffnet wird, kann die Hagia Sophia ja gleichzeitig auch als Museum dienen, ähnlich wie unsere andere Moscheen, welche auch geöffnet sind für Touristen“, so Halacoğlu.

Der stellvertretende Ministerpräsident der Türkei, Bülent Arınç, hat daraufhin angemerkt, dass Istanbuls historische Hagia Sophia angesichts dieser neuen Sachlage in eine Moschee umgewandelt werden könnte.

Kampagne der National-Türkischen Studentenvereinigung

Die National-Türkische Studentenvereinigung (Milli Türk Talebe Birliği, MTTB) startete eine Kampagne, die zur Wiedereröffnung der Hagia Sophia als Moschee beitragen soll. Unter dem Motto „Zeichen unseres Propheten, Erbe Fatihs, Symbol der Größe der Türkei: Die Hagia Sophia soll geöffnet werden“ beabsichtigt die MTTB einer Presseerklärung zufolge, diese Botschaft im ganzen Land zu verbreiten.

Die Kampagne hat am 24. November begonnen, genau an dem Tag, an dem die Hagia Sophia 1934 zum Museum umgewandelt worden war. Sie soll am Jahrestag der Eroberung Istanbuls, dem 29. Mai, enden – an jenem Tag sollen die gesammelten Petitionen dem Premierminister überreicht werden.

Unterstützung durch die oppositionelle CHP

Positiv auf die Kampagne der MTTB reagierte beispielsweise der CHP-Abgeordnete Sinan Aygün (Ankara). Via Twitter schrieb er: „Die Hagia Sophia sollte endlich als eine Moschee den Muslimen für das Gebet geöffnet werden.“ Außerdem erinnerte er daran, dass er bezüglich dieses Themas eine parlamentarische Anfrage gestellt habe.

Auch die Diyanet (Amt für Religionsangelegenheiten in der Türkei) begrüßte die Bemühungen zur Wiedereröffnung der Hagia Sophia als Moschee und formulierte ihrerseits einen Aufruf an das türkische Parlament. Nuri Ünal, der Vorstand des Türk Diyanet Vakıf-Sen (Konsortium für Beamte der türkischen Diyanet und Stiftungsdienstleistungen) äußerte, dass die Hagia Sophia 79 Jahre nach der Verfügung des türkischen Parlaments Sehnsucht nach ihrer Gemeinde und dem Gebetsruf hätte. Zugleich betonte er, dass die Dokumente im Zusammenhang mit der Anordnung, dass die Hagia Sophia ein Museum sein solle, als gefälscht bestätigt seien und das türkische Parlament nun handeln müsse.

Hagia Sophia - cihan

Bereits 2014 Eröffnung als Moschee?

Der Historiker Prof. Dr. Mehmet Çelik erklärte in der Oktober-Ausgabe der türkischen Zeitschrift „Derin Tarih (Tiefe Geschichte)“, welche den Titel „Die Hagia-Sophia wird 2014 für das Gebet eröffnet“ trägt, dass aus dem Volk bis dato bereits an die Präsidenten Menderes, Demirel und Özal Anfragen auf Eröffnung der Hagia Sophia gerichtet worden waren. Nun sei Çelik zuversichtlich, dass die Hagia Sophia noch vor den Präsidentschaftswahlen 2014 als Moschee eröffnet werden könne.

All diese Entwicklungen und Ereignisse werden jedoch nicht nur seitens der Türkei verfolgt, auch international kamen einige Personen zu diesem Thema zu Wort – und dabei zeigten sich vor allem unter den christlichen Gemeinschaften Befürchtungen, wonach ihre historische Beziehung zu dem geschichtsträchtigen Bauwerk durch eine Umwidmung außer Acht gelassen werden könnte.

Kritische Stimmen aus christlichen Gemeinschaften

So fand am 4. und 5. Dezember 2013 in Berlin eine Konferenz zur Situation der Religionsfreiheit in der Türkei statt. Und in diesem Rahmen hat bereits zu Beginn dieser Konferenz der griechisch-orthodoxe Metropolit von Deutschland, Augoustinos, die türkische Regierung davor gewarnt, die Hagia Sophia in Istanbul wieder zu einer Moschee zu machen. Ein solcher Schritt würde das „Aufgeben eines Erfolgsmodells“ bedeuten, sagte Augoustinos, der auch Vorsitzender der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland ist.

Die Türkische Republik hatte einst in dieser Angelegenheit „sozusagen die Quadratur des Kreises geschafft“, indem sie dieses Weltkulturerbe, das für zwei monotheistische Religionen „wichtig, ja heilig“ sei, der gesamten Menschheit als Museum zur Verfügung gestellt habe. Der Metropolit zeigte sich überzeugt, dass „eine Umwandlung dieses Gebäudes in eine Moschee einen enormen Prestigeverlust für die Türkei und eine irreparable Schädigung ihres Ansehens in der Welt“ zur Folge haben würde.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, bezeichnete die Überlegungen in der Türkei zur Umwandlung der Hagia Sophia ebenfalls als „Rückschritt“. Dabei hätten die Fortschritte des Landes im Bereich der Justiz und die angekündigte Rückgabe von Ländereien an das orthodoxe Kloster Mor Gabriel zu „berechtigten Hoffnungen“ auf Fortschritte bei der Religionsfreiheit Anlass gegeben, meinte Schneider. Während in Deutschland die Muslime ihren Glauben in voller Freiheit leben könnten, sei dies in der Türkei für orthodoxe, katholische oder evangelische Christen nicht der Fall, kritisierte der Ratsvorsitzende.

Umwandlung der Hagia Sophia „rückständig“

Auch der Sprecher des Griechischen Außenministeriums, Konstantinos Kutras, behauptet hinsichtlich der Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee, dass dieser Schritt rückständig sei: „Die christlich-byzantinischen Heiligtümer gehören zum Weltkulturerbe und sind ein unzertrennbarer Teil davon. Diesen Gebetsstätten sollte der nötige Respekt gezeigt, sie sollten geschützt werden.“

Daraufhin reagierte der Sprecher des türkischen Außenministeriums in bemerkenswert strengem Ton: „In Bezug auf die Religionsfreiheit muss sich die Türkei von Griechenland nichts vormachen lassen. Die Türkei pflegt immer äußerste Sorgfalt gegenüber der Heiligkeit der religiösen Stätten. In Anbetracht dessen, ist die nachlässige Behandlung der vom Osmanischen Reich verbliebenen religiösen Stätten und Kulturdenkmäler in Griechenland allseits bekannt. Trotz der Anwesenheit von hunderttausend Muslimen ist Athen die einzige Stadt in Europa, die noch über keine einzige für das Gebet geöffnete Moschee verfügt.“

In dieser Situation könnte man derweil die Aussage Nihat Zeybekçi, des Vorsitzenden der Kommission für Industrie und Handel und AKP-Abgeordneten von Denizli, als lösungsorientierten Ansatz betrachten. Er befürwortet durchaus, die Hagia Sophia erneut für das Gebet zu eröffnen und zu ihrer alten Identität zurückkehren zu lassen. Doch bevor dies geschehe, müssten sich alle Seiten, Befürworter wie auch Gegner einer Rückumwandlung in eine Moschee, an einen Tisch setzen und die bestehenden Probleme aus der Welt schaffen.

Da die Hagia Sophia ein historisches Gebäude sei, werde sie, auch wenn sie als eine Moschee wiedereröffnet werden sollte, trotzdem die Funktion eines Museums erfüllen können.

Bleibt nur die Hoffnung, dass es nach einer möglichen Wiedereröffnung der Hagia Sophia als Moschee nicht zu einem großen Weltkrieg, wie ihn Güler in seinem Fantasieroman prophezeit, kommt, sondern die Rückumwandlung den Dialog und Austausch zwischen den Religionen fördert.