Frauenverbände protestieren gegen den Tod der 14-Jährigen Kader Erten.

Vertreter des staatlichen Amtes für religiöse Angelegenheiten in der Türkei (Diyanet) haben sich von der in einigen Landesteilen verbreiteten Verheiratung von Minderjährigen durch islamische Geistliche distanziert. Imame der Diyanet beteiligten sich nicht an solchen Praktiken, erklärte die Gewerkschaft der Diyanet-Mitarbeiter laut Medienberichten vom Donnerstag.

Anlass war der Tod einer 14-Jährigen im türkischen Südosten vor wenigen Tagen. Das Kind war laut Medienberichten im Alter von elf Jahren von ihrer Familie einem jungen Mann in einer sogenannten „Imam-Hochzeit“, einer religiösen Zeremonie ohne die Rechtswirkungen einer Zivilehe zur Frau gegeben worden. Das Mädchen gebar zwei Kinder, von denen eines starb. Nun wurde die 14-jährige Kader Erten tot aufgefunden; die Familie ihres Mannes geht von Suizid aus, die Staatsanwaltschaft hat eine Untersuchung eingeleitet.

„Imam-Hochzeiten“ haben in der Türkei offiziell keine Gültigkeit, da die obligatorische Zivilehe gilt, werden aber von den beteiligten Familien häufig als bindend angesehen. Arrangierte Ehen unter Kindern stellen vor allem in unterentwickelten Gebieten des arabischen Raumes, Afrikas, Südasiens oder Lateinamerikas eine seit Jahrhunderten verbreitete und bis heute nicht überwundene Tradition dar. In Europa soll es unter anderem im Südosten der Türkei, in Albanien und im Süden Italiens noch zu Arrangements dieser Art kommen – trotz bestehender gesetzlicher Verbote und Missbilligung seitens der religiösen Autoritäten.

Opposition ruft Premierminister zum Handeln auf

Das gesetzliche Mindestalter für die Eheschließung in der Türkei liegt bei 17 Jahren. Mit richterlicher Genehmigung kann das Mindestalter in Ausnahmefällen auf 16 Jahre gesenkt werden. Studien zufolge sollen dennoch rund fünf Millionen Minderjährige in der Türkei unterhalb des gesetzlichen Mindestalters verheiratet werden, vor allem in abgelegenen, dörflich strukturierten Regionen Südostanatoliens.

Die Opposition in Ankara hat daher im Rahmen einer parlamentarischen Anfrage die Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan zu mehr Engagement gegen Kinder-Ehen aufgefordert. Unter anderem fordert die Opposition, Imamen der Diyanet offiziell die Teilnahme an „Imam-Hochzeiten“ zu untersagen. Die eindeutige Erklärung der Diyanet, eine solche ohnehin nicht zu dulden, legt indessen den Eindruck nahe, als wäre damit der falsche Adressat gewählt. (KNA/dtj)

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