Kinder in der Türkei.
Die Neunjährige wollte zusammen mit ihrer Mutter zu ihrem Vater nach Europa. Foto: Privat

Nurefşan Teke hätte vielleicht noch ein langes Leben vor sich gehabt. Schon mit fünf Jahren musste sie ohne Vater auskommen, weil dieser aus politischen Gründen fliehen musste. Der Versuch, ihren Vater wiederzusehen, endete tragisch.

Seit dem Putschversuch 2016 müssen in der Türkei viele Oppositionelle aus Angst vor Repressalien und Folter in Haft aus dem Land fliehen. Das Ziel ist meist Europa. Hier erhoffen sich viele Geflüchtete Freiheit und ein „normales Leben“. Dabei ist die Flucht aus dem Land kein einfaches Unterfangen. Das bewies zuletzt auch der Fluchtversuch von Nurefşan Teke.

Nurefşan, ein neunjähriges, zierliches Mädchen, wollte nach fünf Jahren endlich wieder ihren Vater sehen. Dieser hatte kurz nach dem Putschversuch das Land verlassen. Wie hunderttausenden anderen Menschen, die sich der Hizmet-Bewegung zugehörig fühlten, wurde auch ihm eine Beteiligung am Putschversuch vorgeworfen. Oft werden als Beweise für diesen harten Vorwurf Banalitäten herangeführt, wie beispielsweise das Führen eines Bankkontos bei der als Hizmet-nah geltenden „Bank Asya“ oder der Besuch von islamischen Lesezirkeln.

Unglück während der Flucht

Auch der Vater von Nurefşan war mit diesen Vorwürfen konfrontiert. Deshalb sah er keine andere Wahl als zu flüchten. Seine Familie musste er vorerst zurück lassen. Zu gefährlich war der Weg und zu ungewiss war das Leben in einem neuen Land. Jetzt hatte der Vater aber alles eingerichtet und wollte endlich seine Familie zu sich holen.

In der Nacht auf den heutigen Freitag sollte die Zusammenführung der Familie erfolgen. Deshalb fand sich Nurefşan am türkisch-griechischen Grenzfluss „Evros“ ein, um zusammen mit ihrer Mutter auf einem Plastikboot den Fluss überqueren. Doch plötzlich fielen Tochter und Mutter in der Dunkelheit ins Wasser. Während die Mutter sich noch retten konnte, schaffte es Nurefşan nicht mehr. Erst gegen 15 Uhr türkischer Zeit konnte die Leiche des jungen Mädchens geborgen werden.

Tragischer Fall erinnert an Kurzfilm „Kader“

Es sind Szenen, die an den Kurzfilm von Zehra Karahan erinnern. Karahan, eine junge Studierende des Lehrgangs Filmproduktion auf dem Mediencampus „SAE Institute“, drehte vergangenes Jahr im Rahmen ihrer Abschlussarbeit einen Kurzfilm über die Flucht von Oppositionellen aus der Türkei. In „Kader“ (dt.: Schicksal) wird geschildert, wie sich eine Familie auf die Fluchtsituation vorbereitet und wie schwer die Bedingungen einer Flucht sind. Der Film wird aus der Perspektive eines siebenjährigen Mädchens erzählt.

Die Parallelen des Films zu dem tragischen Ereignis sind groß. Deshalb machte die Nachricht über den tragischen Unfall von Nurefşan die Filmemacherin besonders nachdenklich: „Als ich die Nachricht über die kleine Nurefşan gelesen habe, war ich erschüttert“.

Sie fühle sich als angehende Filmemacherin in der Verantwortung den Unterdrückten eine Stimme zu geben: „Mein Ziel war es, und ist es immer noch, die leisen Schreie von diesen Menschen, vor allem der Kinder, auf die Leinwand zu bringen.“ Sie selbst habe viele Freunde und Bekannte, die flüchten musste, um einer Verhaftung oder gar Folter zu entgehen, sagt sie. Gleichzeitig will sie mit ihrem Film ein Appell an die Menschenrechtsorganisationen richten, sich mehr für die Rechte der Kinder einzusetzen.

Auch wenn sie sich mit der Thematik „Flucht“ schon seit langer Zeit befasst und viele tragische Fälle kennengelernt hat, war das tragische Ereignis ein Schock für die 28-jährige: „Ich habe zwar einen Kurzfilm gedreht, welcher genau diesen Vorfall thematisiert, aber trotzdem fällt es einem sehr schwer daran zu glauben, dass es immer noch Menschen und Kinder gibt, die für Freiheit ihr Leben riskieren müssen.“

Bislang habe sie viele traumatisierte Kinder kennengelernt, die ihr über die Fluchterfahrung erzählten. All das floss in ihren emotionalen Kurzfilm ein: „Das bricht mir das Herz. Ich möchte, dass Kinder so aufwachsen können, wie sie es verdienen.“

Menschenrechtlerin kritisiert Regierung

Die armenische Menschenrechtlerin Arlet Natali Avazyan, die sich in der Türkei für Unterdrückte engagiert, macht die türkische Regierung für diese Fälle verantwortlich. Avazyan kritisiert die Vorgehensweise gegenüber Oppositionellen. „Ihr habt den Menschen zuerst ihre Heimat genommen, dann ihre Familie und als ob das nicht reichen würde, nehmt ihr ihnen nun auch das Leben“, so Avazyan, die sich in der Vergangenheit beispielsweise auch für den krebskranken Ahmet eingesetzt hatte. Ahmet war ebenfalls ein indirektes Opfer der Repressalien der türkischen Regierung. Lesen Sie hier mehr zu diesem Fall.