Kurdischer Kämpfer in Syrien - dha

Auch der türkischen Staatsführung macht die Radikalisierung in Syrien zunehmend Sorgen. Das Land könne zu einem „Afghanistan an der Küste des Mittelmeers“ werden, warnte Staatspräsident Abdullah Gül einem Interview mit der britischen Zeitung „Guardian“. Nun drohe der von Djihadisten auch unter einfachen Leuten verbreitete Extremismus zur Gefahr für Nachbarn Syriens und für Europa zu werden.

Die Türkei hat den radikalen Islamisten in Syrien mittlerweile offen den Kampf angesagt. Nachdem die mit dem Terrornetzwerk Al-Qaida verbündeten Kämpfer auch dem Nachbarn im Norden mit Bombenanschlägen gedroht haben,geht die islamisch-konservative Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan in die Offensive. Der Vorwurf, sein Land habe den Extremisten Unterschlupf gewährt, sei eine Lüge, sagt Erdoğan. Die Türkei werde gegen diese Gruppen vorgehen.

Zu Beginn des Aufstands gegen das Regime von Baschar al-Assad vor zweieinhalb Jahren hatten die türkischen Behörden noch einen Aufmarsch ausländischer „Gotteskrieger“ im eigenen Grenzgebiet zu Syrien geduldet. Erdoğan musste sich dafür heftige Kritik der Opposition anhören, die ihm Unterstützung islamistischer Kräfte vorwarf.

Von offiziellen Stellen wurden die zahlreich angereisten bärtigen, jungen Männer aus arabischen Staaten, aber auch aus Europa, lange Zeit verharmlosend als „Urlauber“ bezeichnet. Auch weil die Türkei aus humanitären Gründen eine Politik der offenen Grenze für Flüchtlinge betreibt, war es für Islamisten bisher leicht, im Grenzgebiet unterzuschlüpfen. In Syrien selbst bauten sie ihre Position immer weiter aus.

Im September übernahmen „Djihadisten“, die dem Terrornetzwerk Al-Qaida nahestehen, die Kontrolle im syrischen Grenzort Asas. Die Kämpfer gehören zur Gruppe „Islamischer Staat im Irak und in Syrien“ (ISIS). Die ISIS-Kämpfer haben in Syrien mehrere Orte unter ihre Kontrolle gebracht. Dort haben sie ihr „Kalifat“ eingerichtet.

Brutale „Djihadisten“ ermöglichen Assad Imagegewinn

Die Extremisten drangsalieren dort die einheimische Bevölkerung mehr, als dass sie noch gegen das Regime von Assad kämpfen. Immer wieder gehen Meldungen und Videos um die Welt, die ein besonderes Maß an Brutalität seitens dieser Einheiten offenbaren – was dem Ansehen der syrischen Opposition insgesamt in Syrien selbst und weltweit massiv geschadet und Assads Regime PR-technisch ungemein genützt hat. Mehrfach haben sich die Terroristen aber auch Kämpfe mit der gemäßigteren „Freien Syrischen Armee“ (FSA), die von syrischen Deserteuren gegründet wurde, geliefert.

Die Türkei unterstützt die FSA und macht als Reaktion auf den Vormarsch der Islamisten die Grenze bei Asas dicht. Mitte Oktober nahm türkische Artillerie dort eine Stellung der ISIS-Extremisten (ISIS) unter Feuer, nachdem eine von den Extremisten abgefeuerte Granate auf türkischem Boden eingeschlagen war. Die türkischen Sicherheitsbehörden sind Medienberichten zufolge in Alarmbereitschaft. Sie haben Informationen, wonach ISIS-Kämpfer Autobomben in türkischen Metropolen zünden wollen.

In der vergangenen Woche flog in der südlichen Stadt Adana eine Waffenlieferung aus der Türkei nach Syrien auf. Auf einen anonymen Hinweis hin fand die Polizei auf einem Lastwagen Hunderte Raketensprengköpfe oder Granaten – hier gehen auch amtliche Angaben auseinander. Der Tippgeber hatte der Polizei einen Drogentransport gemeldet und damit eine Razzia mit Hundeführern ausgelöst.

Zuvor flog eine Lieferung von Chemikalien nach Syrien auf.Zudem wurde im Hafen von Rhodos ein mit Kurs Südtürkei fahrender Frachter an die Kette gelegt, um eine Ladung mit großen Mengen Waffen und Munition zu überprüfen, darunter 20 000 Sturmgewehre.

Banden greifen nicht mehr von der Türkei aus an

Von dem härteren türkischen Kurs profitieren zuerst die syrischen Kurden. Milizen der syrischen Kurdenpartei PYD haben in den vergangenen Tagen in den Gebieten um die syrische Grenzstadt Ras al-Ain nach heftigen Gefechten ISIS-Einheiten und Kämpfer der islamistischen Al-Nusra-Front zurückgeschlagen. Ein Grund dafür sei, dass die Türkei ihre Unterstützung für die Islamisten gestoppt habe, erklärte der PYD-Vorsitzende Salih Muslim. Er sagte: „Die Banden greifen uns nicht mehr aus der Türkei an, wie sie es zuvor getan haben.“

Die Nationale Koalition der syrischen Opposition hat der kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD) in Syrien vorgeworfen, das Assad-Regime zu unterstützen und „der Revolution zu schaden“.

Am Dienstag hatten syrische Kurdenorganisationen die Gründung einer Übergangsregierung im Norden und Nordosten Syriens verkündet, wo Kurden die Mehrheit der Bevölkerung stellen.

„Das sind separatistische Handlungen, die nicht den Bemühungen des syrischen Volkes entsprechen, das die Bildung eines einheitlichen und unabhängigen Staats anstrebt“, heißt es in einer Mitteilung der Nationalen Koalition.

Kurden leisten der FSA aktiven Widerstand

Die syrische Exil-Opposition teilt indessen mit, dass die bewaffneten Kurdentruppen die Kampfhandlungen gegen die syrische Regierungsarmee eingestellt und ihre Stellungen in Regionen gefestigt haben, die nicht mehr von den Assad-Kräften kontrolliert werden.

Zudem leisten Kurden-Einheiten der Freien Syrischen Armee, dem bewaffneten Arm der Nationalen Koalition, aktiven Widerstand. Vor kurzem war es Kurden-Milizen gelungen, strategisch wichtige Territorien im Norden und Nordosten Syriens einzunehmen, die zuvor unter der Kontrolle von islamistischen Gruppierungen gestanden hatten.

Ein nicht unbedeutendes Detail: Auch die syrische Oppositionskoalition hatte Anfang der Woche eine „Übergangsregierung Syriens“ gebildet, die von der Türkei aus agieren soll.

Laut verschiedenen Angaben sind zwischen zehn und 15 Prozent der syrischen Bevölkerung Kurden – rund 23 Millionen Menschen. Die Mehrheit der Kurden lebt in den ölreichen nordöstlichen Regionen Syriens, an der Grenze zur Türkei. (dpa/RIA Novosti/dtj)