Schöne Landschaften, aber oft auch trügerisch und gefährlich: Afghanistan. Foto: WantTo Create / Unsplash
Die Türkei bemüht sich erstaunlich offensiv um gute Beziehungen zu den radikal-islamistischen Taliban. Das Vakuum in Afghanistan will Präsident Erdoğan füllen. Er buhlt um Rohstoffe und Einfluss. Aber die Mission ist riskant.

Nach dem Abzug der US-geführten Koalition aus Afghanistan wittert der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan seine Chance: Die Türkei will das Vakuum im Land nutzen, um ihren Einfluss auszubauen. China, Russland und der Iran mischen ebenfalls mit. Doch die Türkei hat ihnen etwas voraus.

Mit den radikal-islamistischen Taliban verhandelt Ankara bereits über den Weiterbetrieb des Kabuler Flughafens. Neben Katar brachte sich vor allem die Türkei als neuer Betreiber ins Spiel. Türkische Luftfahrtexperten und Soldaten hatten den Airport bereits in den vergangenen Jahren im Rahmen der NATO-Mission federführend betrieben.

„Türkei hat keine Probleme mit Taliban“

Hinzu kommt: Die Taliban bezeichnen das türkische Volk als „Brüder im Glauben“. Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahid bekräftigte in seiner ersten Pressekonferenz vor internationalen Journalist:innen: „Wir wollen nicht, dass es zu Missverständnissen zwischen uns und der Türkei kommt.“

Auch Erdoğan schlägt überraschend freundschaftliche Töne an: „Die Türkei hat, was den Glauben angeht, keine Probleme“, sagte er. „Und weil das so ist, nehme ich an, dass wir mit ihnen einfacher reden und einfacher zu einer Einigung kommen können.“ Gemeint waren: die Taliban.

Das ist bemerkenswert, sind die Islamisten in der Türkei doch äußerst unbeliebt. Nur knapp 30 Prozent der Bevölkerung sprechen sich laut einer aktuellen Umfrage dafür aus, eine Taliban-Regierung anzuerkennen. Die erstaunlich offensiven Avancen aus dem Präsidentenpalast beunruhigen nicht Wenige.

Historisch gute Beziehungen

Erdoğan selbst vertritt machtpolitische Interessen – und er kann sich auf eine historisch gute Beziehung zum afghanischen Volk berufen. Denn die türkisch-afghanischen Verbindungen gehen weit zurück. Einst bezog sich der ehemalige afghanische König Amanullah Khan auf die Reformen des türkischen Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk.

Das passt ins Bild. Denn der türkische Präsident sieht sein Land als Erbe des Osmanischen Reichs. Er will die Türkei zu alter Größe führen und die Einflusssphäre der einstigen Großmacht wiederherstellen. In der Vergangenheit versuchte er dies, vor allem mit militärischen Mitteln durchzusetzen – zum Beispiel in Syrien, in Libyen oder im Konflikt um Bergkarabach (DTJ-Online berichtete).

Wiederaufbau, seltene Erden und Rohstoffe

Außerdem verfolgt die Türkei in Afghanistan ökonomische Interessen. Weil die Taliban Fachkräfte und Unternehmen aus dem Ausland benötigen, um das Land wiederaufzubauen, nutzt die Türkei ihre guten Verbindungen – aus den Zeiten, als sie noch den Kabuler Flughafen betrieb – für weitere Aufträge. Mit Ländern wie China und Russland ringt Ankara indes um Schürfrechte für seltene Erden und Rohstoffe.

Was die Menschen in der Türkei aber am meisten umtreibt, sind die möglichen Flüchtlingsströme, die aus Afghanistan Richtung Europa auch die Türkei durchqueren müssten. Erdoğan möchte das verhindern, schließlich sind schon knapp 3,5 Millionen Flüchtlinge aus Syrien im Land, der soziale Frieden bereits heute in einigen Städten gestört.

Riskante Mission in unsicheren Zeiten

Für Erdoğan ist das Machtspiel in Afghanistan gefährlich. Denn der Deal mit den Taliban birgt Risiken. Die neuen Machthaber scheinen unkontrollierbar. Und wirtschaftlich kann sich die Türkei einen langwierigen und teuren Einsatz nicht leisten. Zuhause steigt die Inflation, die türkische Lira verliert an Wert und die Arbeitslosigkeit wächst (DTJ-Online berichtete).

Das Engagement um den Kabuler Flughafen könnte dennoch zu einem guten Deal werden. Zwar sind Reparaturen am Tower und den Terminals nötig, aber man kennt das Areal. Für die Aufbauarbeiten müssten die Türkei ziviles Personal schicken. Auch die staatliche Fluglinie Turkish Airlines ist im Gespräch. Ankara kann sich den Betrieb des Flughafens also prinzipiell vorstellen, fordert aber Sicherheitsgarantierenden für alle türkischen Staatsbürger:innen im Land.

Chance oder Minenfeld?

Die Taliban wollen ihrerseits keine türkischen Soldaten mehr im Land haben. Ob sie allerdings für die Sicherheit ausländischer Bürger:innen in Afghanistan garantieren können, ist aktuell mehr als fraglich.

Für die Türkei birgt Afghanistan künftig durchaus Chancen, aktuell ist das Land für die Machtinteressen Ankaras aber noch ein Minenfeld. Ähnlich verhält es sich mit Nordsyrien. Auch dort kooperiert die türkische Regierung mit Islamisten. Sicher ist ihr Personal dort aber dennoch nicht.