„Vater“, sagte ich zu ihm mit sichtbar angstvollem Gesichtsausdruck, nachdem er am Donnerstag eine kleinere Operation über sich ergehen lassen musste.

„Ich muss gehen“, erzählte ich ihm und hatte dabei nicht einmal die Zeit, um zu erklären, was geschehen war. Ich war die einzige Verwandte, die im Istanbuler Krankenhaus am Bett meines Vaters stand. Ich rief rasch meine Schwester an, sie möge kommen, und verließ das Hospital.

Ich eilte zu meinem Haus, packte in zehn Minuten meine Sachen zusammen – eine neue Erfahrung für eine Frau, die ihr Haus auf unbestimmte Zeit verlassen wird – und fuhr zum Flughafen, um gemeinsam mit meinem „unerwünschten Ehemann“ das Land zu verlassen.

Ich sagte meinem Ehemann – Mahir Zeynalov, einem Journalisten von „Today’s Zaman“ -, dass ich meinen Geschwistern und Eltern noch Bescheid sagen müsse, dass ich das Land verlasse. Er sagte mir, ich solle dies nach der Ankunft tun, weil das Flugzeug in Kürze starten würde und es ihm verboten wäre, jetzt zu telefonieren. Mit zitternden Knien und reichlich Angst kamen wir am Freitagmittag in Baku an. Mahirs Vater und aserbaidschanische Medien empfingen uns, und mein Schwiegervater konnte seine Tränen kaum verbergen – aber es waren Freudentränen darüber, dass Mahir es sicher aus der Türkei geschafft hatte.

Die Politik der Regierung stets unterstützt

Jetzt lebe ich im Haus meiner Schwiegereltern und manchmal wird mir klar, dass ich vielleicht nie wieder in jenem Land leben könnte, in dem ich geboren wurde und aufgewachsen war und wo der Großteil meiner Freunde lebt. Vor einigen Jahren hatte ich naturwissenschaftlichen Unterricht in Chicago erteilt, während ich als Hijab tragende Frau in der Türkei nicht in öffentlichen Einrichtungen arbeiten durfte. Bei Wahlen hatte ich früher immer Premierminister Erdoğan unterstützt, ich war davon überzeugt, dass er ein Geschenk Gottes wäre, dass er den Charakter und das Profil unserer Nation prägen würde und dass er uns vor dem Militärregime retten würde, das uns lange unterdrückt und wie Bürger zweiter Klasse behandelt hatte.

Und genau diese Regierung schickt mich nun ins Exil, eine vollwertige Bürgerin der türkischen Republik, in der ich auch meine Kindheit verbracht hatte. Es schmerzt mich, daran zu denken, dass ich vielleicht nicht in meine Heimat zurückkehren und meine Familie und Freunde sehen dürfte, wenn nicht die Regierung das „Verbrechen meines Ehemannes“ einer Amnestie zugänglich machen würde.

Ohne den Zuspruch meiner Familie, meiner Freunde und tausenden Menschen, die mich ihrer Sympathie (etwas, von dem ich nicht denke, dass ich sie verdiene) in Social-Media-Einträgen und E-Mails versichert hatten, wäre das jetzt ein wirklich schmerzvoller Teil meines Lebens. Es passiert nicht jeden Tag, dass einen eine Regierung, die man für mehr als ein Jahrzehnt unterstützt hatte, dazu zwingt, die geliebte Heimat zu verlassen, nur weil der Ehemann einen Tweet gepostet hat.

Drohungen geheim gehalten

Das sorgenvolle Leben mit Mahir begann vor einigen Monaten, als hunderte regierungsfreundliche Twitter-Benutzer ihn beleidigten und der Zusammenarbeit mit der CIA, dem russischen Geheimdienst und Israels Mossad beschuldigten. Wann immer ich ihn über einige Stunden hinweg nicht erreichen konnte, war ich in tiefer Sorge und dachte, er könnte entführt, verprügelt oder verhaftet worden sein. Meist hat Mahir Drohungen, die er erhalten hat, vor mir geheim gehalten, weil er mich nicht beunruhigen wollte.

Während ich diese Zeilen schreibe, höre ich gerade Erdoğan zu einer Vielzahl von Anhängern in Istanbuls Bezirk Alibeyköy reden, wo ich einst gewohnt hatte, und unter deren Applaus gegen kritische Journalisten vom Leder ziehen. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass der Premierminister in meiner Nachbarschaft reden würde, während ich ihn in 1500 Meilen Entfernung via Fernsehen sehe und nicht nach Hause kann.

Der Zustand der Demokratie in der Türkei hat ein Level erreicht, in dem man nicht einmal mehr dadurch einen sicheren Aufenthaltsstatus im Land hat, dass man einen türkischen Ehepartner hat.

Durch unsere Heirat hatte Mahir eine auf drei Jahre befristete Aufenthaltsgenehmigung bekommen und eine Arbeitserlaubnis. Nach eineinhalb Jahren Ehe hätte er auch die türkische Staatsbürgerschaft beantragen können. Das Innenministerium interessierte dies alles nicht und man befahl meinem Ehemann, das Land zu verlassen, was auch mein Leben und meine Karriere in der Türkei direkt betraf.

Wir kämpfen weiter!

Es kamen Telefonanrufe und Nachrichten aus aller Welt von Menschen, die sich mit uns solidarisierten, viele davon kannte ich nicht einmal. Meine kleine Schwester fragt mich immer wieder, ob ich jemals zurückkomme und ich weiß nicht, was ich antworten soll, wenn ich sie weder belügen noch vor den Kopf stoßen will.

Mahir und ich werden jetzt entscheiden, wo wir den Rest unseres Lebens verbringen werden. Sollten wir nicht in Aserbaidschan bleiben, wird es eine weitere schwierige Frage werden, ob ich für ein Land, in dem Mahir arbeiten könnte, ein Visum bekomme. Vor 15 Monaten hatten wir noch eine schwierige Zeit, als es darum ging, Möbel zu kaufen, ein Haus zu mieten und uns im Westen Istanbuls ein neues Leben aufzubauen. Nun muss ich meine Freunde ersuchen, für mich den Mietvertrag zu beenden und ein neues Leben in Baku oder sonst irgendwo zu beginnen.

Was wir von unserem kleinen Einkommen an Ersparnissen hatten, inklusive meiner Juwelen, haben wir bei der Bank Asya verwahrt, nachdem die Regierung mittels einer gezielten Aktion versucht hatte, diese in den Bankrott zu führen. Wir hatten das bewusst so gemacht, um zur Rettung einer Bank beizutragen, die 30 Billionen TL zur türkischen Volkswirtschaft beigetragen hatte, genau wie auch andere freiwillige Spender, meist auch mit geringem Einkommen, die aber Sympathie für die Hizmet-Bewegung empfanden.

Nun, wo ich dies gesagt habe, müssen wir mit unserem kleinen Einkommen ein neues Leben aufbauen. Ich bin mir sicher, Gott hilft uns auf unserem Weg durch diese turbulente Zeit und wir werden mit Stolz später darauf zurückblicken, wie wir diese Zeit erfolgreich überstanden haben.

Ich bin stolz auf meinen Mann, der seine Stimme trotz Ungerechtigkeiten und Drohungen erhoben hat, der sich wehrt und seine ehrenvolle Arbeit fortsetzen wird. Das ist es auch wert – trotz der Trauer und des Kummers, die wir kurzfristig erleiden. Der Premierminister, der für das alles verantwortlich ist, wird in der Geschichte jedoch als der Politiker in Erinnerung bleiben, der eine Familie wegen eines simplen Tweets ins Exil geschickt hat.

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