Die frühere Familienministerin Ursula von der Leyen mit einer türkischen Mutter und ihrer Tochter.

Die Praxis der Jugendwohlfahrtspflege in Deutschland stellt aus Sicht nicht weniger Eltern vielerorts ein Problem dar. Längst greifen Jugendämter nicht nur dort ein, wo tatsächlich eine Gefährdung des Kindeswohls, beispielsweise durch Gewalt oder Vernachlässigung, gegeben ist.

In nicht wenigen Fällen wird mit den Mitteln der Jugendwohlfahrtspflege auch Gesellschaftspolitik betrieben, regelmäßig auf Kosten von Minderheiten. So wurde kürzlich in einem skandalösen Fall in der Nähe von Darmstadt einem deutschen, christlichen Ehepaar das Sorgerecht für ihre vier Kinder zwischen 8 und 14 Jahren teilweise entzogen, weil diese einen Umzug nach Frankreich planten, wo die Kinder zu Hause unterrichtet werden sollten.

Der Elternrechtsaktivist Wojciech Pomorski, der den Verein „Eltern gegen die Diskriminierung der Kinder in Deutschland e.V.“ gegründet hat, berichtet von Fällen einer „Zwangsgermanisierung“ polnischer Kinder, deren Eltern auf Initiative des Jugendamts untersagt worden sein soll, mit diesen Polnisch zu sprechen.

Vor allem aber viele türkische Familien klagen über Willkür und Diskriminierung durch deutsche Jugendämter, weshalb sich auch der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdoğan und einige türkische Minister des Themas angenommen hatten und diplomatischen Druck machen.

Seit Jahren wird die Problematik der Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in Jugendheimen und Pflegefamilien in Deutschland mit zunehmender Intensität diskutiert. Parallel dazu wird versucht, sowohl auf kommunaler Ebene als auch seitens der in Deutschland lebenden Türken selbst, eine Lösung zu finden.

Der Trend des Jugendamts: In Jugendheime einweisen

Was hin und wieder unter Türken in Deutschland schon seit längerem so empfunden worden ist und gemutmaßt wurde, hat sich nun auch in Zahlen bestätigt: Das Jugendamt meldete mittlerweile selbst, dass mit jedem Jahr immer mehr Kinder ihren Familien entzogen werden. Im Zeitraum von 2007 bis 2012 habe sich die Zahl von Kindern, welche ihren Familien weggenommen wurden, allein in Nordrhein-Westfalen auf 40 200, also um 43% erhöht.

Der Erklärung eines Bürgerausschusses zufolge erregte die Tatsache Aufmerksamkeit, dass parallel zu den vermehrten Fällen, da die von den Familien weggenommenen Kinder an Pflegefamilien übergeben wurden, auch die Anzahl der Kinder, welche in Jugendheime eingewiesen werden, bemerkenswert gestiegen sei. Laut den Berechnungen des Bürgerausschusses betragen die Ausgaben für ein Kind, welches in einem Jugendheim untergebracht wird, monatlich zwischen 7000 und 8000 Euro. Duisburg, Dortmund und Oberhausen aus NRW, welche ohnehin schon Überschuldung beklagen, haben somit eine viel größere Belastung und sind gezwungen, eine Lösung zu finden.

Martin Klein, der Beauftragte des Bürgerausschusses, ging auf die Gründe ein, warum Kinder aus den Familien genommen würden. Er erklärte, dass in solchen Fällen meistens eine Verschlechterung der Familienstruktur vorhanden sei und soziale Probleme dabei zu den wichtigsten Ursachen gehörten. In 64% der Fälle, in denen Familien im letzten Jahr die Kinder entzogen wurden, waren diese auf Sozialhilfe angewiesen und die Eltern geschieden. Drei von vier alleinerziehenden Eltern benötigten Hilfe.

Bedarf an muslimischen und türkischen Familien

Die Probleme rund um das Jugendamt und die Pflegefamilien sind immer wieder Themen von Gremien und öffentlichen Sitzungen. So zuletzt auch in Hamm, einer Stadt in Nordrhein-Westfalen, dem Bundesland mit dem höchsten Anteil an Einwandererfamilien (33,1%). Dabei wurden die Familien über die Arbeit des Jugendamtes informiert und der Bedarf auch an muslimischen und türkischen Familien in diesen Bereichen festgestellt. Thomas Hunsteger-Petermann, der Oberbürgermeister von Hamm, teilte mit, dass von 330 Kindern in Hamm, welche seitens des Jugendamtes an Pflegefamilien übergeben werden, 100 aus Einwandererfamilien stammen: „Unser Ziel ist es, für die Kinder, welche aus unterschiedlichen Gründen ihren Familien entzogen wurden, eine ihrer Muttersprache und Kultur entsprechende Pflegefamilie zu finden und ihnen Wärme, ein Zugehörigkeitsgefühl und eine Familie zurückzugeben. Leider ist die Anzahl der türkischstämmigen Pflegefamilien immer noch ziemlich niedrig, trotz der Tatsache, dass jedes Dritte der entzogenen Kinder einen Migrationshintergrund aufweist. Für die Zukunft unserer Gesellschaft rufe ich die Bürger mit Migrationshintergrund auf, als Pflegefamilien aktiv zu werden.“

Jugendheime sind zur Zusammenarbeit mit türkischen Familien bereit

Aus den Medien habe er von Beschwerden erfahren, wonach das Jugendamt muslimische Kinder nicht an türkische Familien übergebe, so Hunsteger-Petermann. Wenn man diese Situation unter die Lupe nehme, erkenne man in der Tat, dass dies teilweise stimme. Eine Vielzahl von muslimischen, vor allem türkischen Pflegefamilien werde deshalb benötigt. Das Jugendamt sei bereit, mit muslimischen und türkischen Familien im Bereich der Pflegschaft zu kooperieren, betonte der Oberbürgermeister.

Familien, welche die Möglichkeit hätten und bereitwillig seien, sollten sich als Pflegefamilien engagieren. Somit würden sie sowohl eine große und gute Tat verwirklichen, als auch diesen Kindern ein warmes Zuhause und einen Hauch von Hoffnung für ihre Zukunft schenken, sagte Hunsteger-Petermann.

Ehemals Betroffene wollen jetzt selbst zu Pflegefamilien werden

Es habe sich herausgestellt, dass einige Familien, welche in der Vergangenheit aufgrund familiärer Probleme aus eigenem Antrieb ihre Kinder an das Jugendamt übergeben hatten, doch später nach der Beseitigung des Problems ihre Kinder wieder zurückbekommen haben, ebenfalls bereit sind, bedürftigen Familien und Kindern in ähnlichen Situationen zu helfen. Sie hätten sich entschieden, als Pflegefamilien aktiv zu werden und somit Familien eine Stütze und Sicherheit darzustellen, welche ähnliche Phasen durchmachen müssen wie sie selbst in früheren Zeiten.

Die Bedingungen sind nicht kompliziert

Interessierte Familien werden in Informationsveranstaltungen darüber aufgeklärt, welche Kriterien sie erfüllen müssen, um als Pflegefamilie anerkannt zu werden. Es müssen Familien sein, welche ihren Lebensunterhalt selbst verdienen können; über Wohnverhältnisse verfügen, die für ein Pflegekind geeignet sind, strafrechtlich nicht in Erscheinung getreten sind und keine Alkohol- und Drogenprobleme aufweisen. Trifft dies zu, können sie sich problemlos als Pflegefamilie engagieren.

Die Kosten der Aufwendungen für Pflegekinder werden vom Jugendamt übernommen, darüber hinaus erhalten die Pflegefamilien, entsprechend der Situation des Kindes, Pflegegeld zwischen 200-500 Euro.

„Pflegefamilien-Workshop“ für türkische Familien

In der Kreisstadt Delmenhorst wurde kürzlich durch die örtliche Organisation der UETD (Union der Europäisch Türkischen Demokraten) der „Pflegefamilien- und Kinderschutz-Workshop“ veranstaltet. Die Veranstaltung stieß auf große Resonanz. Mehmet Günay, der türkische Generalkonsul von Hannover, nahm ebenfalls an dieser Veranstaltung teil. Er erklärte, dass zum Zwecke der Aufklärung der türkischen Familien über dieses Thema unterschiedliche Maßnahmen getroffen wurden und außerdem dem weiteren Schicksal der Kinder mit türkischer Herkunft, welche ihren Familien entzogen wurden, bewusst nachgegangen werde.

Günay dazu wörtlich: „Es ist bekannt, dass türkischstämmige Kinder vom Jugendamt unter Schutz genommen werden. Damit unsere türkischstämmigen Kinder und türkischen Pflegefamilien von nun an besser vorankommen können, werden von Zeit zu Zeit durch unsere Vereine Veranstaltungen organisiert, um unsere Mitbürger über diese Themen zu informieren. Diesbezüglich klären die deutschen Behörden auf, wie man zu einer Pflegefamilie wird. Auch ich werde die Informationen, die mir gegeben wurden, mit anderen teilen. Genau das ist ja auch das Ziel – eine Möglichkeit zu bieten, um unter den türkischen Familien das Bewusstsein für das Engagement als Pflegefamilie zu stärken. Auf der Ebene der Botschaft, als Generalkonsulat, in Zusammenarbeit mit deutschen Behörden wird dieses Thema weiterhin bearbeitet und verfolgt.“

Neue Brücken zwischen dem Jugendamt und den türkischen Familien

Parallel dazu werden die in den letzten Monaten gestarteten Initiativen der DITIB (Türkisch-Islamische Union für religiöse Angelegenheiten), den Austausch zwischen dem Jugendamt und den türkischen Familien zu intensivieren, weiterhin fortgesetzt. Zugleich wurde in Stuttgart die Präsentation des Projektes „Die Wahrnehmung von Problemen bis hin zur Wahrnehmung von Glück – das Jugendheim und die türkischen Familien“ mit der Unterstützung der Abteilung der türkischen Regierung für Türken und verwandte Gemeinschaften im Ausland organisiert.

Die Pädagogin Ülkü Yıldırım, welche als Projektleiterin tätig war, sprach über den Inhalt des entsprechenden Projektseminars. In den Seminaren werden die Themen und Aufgaben des Jugendamtes, seine institutionelle Struktur, die Ausbildungsförderung des Jungendamtes, der Prozess der Entziehung des Kindes von der Familie, der Prozess der Unterkunftnahme des Kindes bei einer Pflegefamilie oder in einem Jugendheim sowie andere Dienstleistungen und Möglichkeiten, welche das Jugendamt anbietet und vieles mehr behandelt. Darüber hinaus wurde dargelegt, dass bezogen auf Jugendlichen und Frauen weitere unterschiedliche Aktivitäten in Planung stehen.

Vorurteile und Ängste müssen beseitigt werden

Laut Yıldırım zielt das Projekt auf die Benachrichtigung der türkischen Familien über das Jugendamt und dessen Dienstleistungen und rechtliche Gesetze; über die Aktivität als Pflegefamilie und die dazugehörige Unterstützung. Sie betonte, dass aufgrund der besonderen Bedürfnisse die Gewinnung von muslimischen und türkischen Pflegefamilien von sehr großer Bedeutung sei. Die Vorurteile und Ängste sowohl der türkischen Familien als auch des Jugendamtes müssten beseitigt und dazu neue starke Brücken zwischen ihnen aufgebaut werden, was eines der Hauptziele des Projektes sei. Außerdem sei eines der langfristigen Ziele des Projektes, türkische Pflegefamilien zu gewinnen und Kinder unter der Beobachtung des Jugendamtes diesen Familien zu übergeben.

Zunächst einmal die Familie unterstützen

Experten erklären, dass der Prozess, in dem das Kind vom Jugendamt unter Beobachtung genommen werde, von bestimmten gesetzlichen Anforderungen abhängig sei. Das eigentliche Anliegen sei das Wohl des Kindes und dafür müssten zunächst einmal die Familien unterstützt werden. Sollte dies zu keinem Ergebnis führen oder der Fall akut sein, werde das Kind innerhalb einer bestimmten Phase der Familie entzogen.

Erstes türkisches Jugendheim eröffnet

Die gute Nachricht bezüglich dieses Themas, auf die in Deutschland lebende Türken jahrelang gewartet hatten, kam aus Rüthen. Unter der Führung des Chefarztes Dr. Turan Devrim von der Klinik Brilon-Wald wurde nach dem Erhalt der erforderlichen Genehmigung durch die zuständigen Institutionen ein Gebäude gekauft. Mit dem Abschluss des erforderlichen Umbaus begann man, im Rahmen dieses Projekts die Arbeit aufzunehmen.

Der Verein „Evim“, welcher durch die Kooperation von Dr. Turan Devrim, dem Werbeagenturbesitzer Emin Özel und dem Inhaber der Pader-Sportschule Eyüp Kalyoncuoğlu gegründet wurde, musste durch eine schwierige Phase hindurch, um endlich das Wohnheim für Kinder eröffnen zu können: Die Unterstützung durch die Öffentlichkeit; die Erlaubnis seitens des Jugendamtes, ein Heim eröffnen zu können; geeignete Räumlichkeiten und der entsprechende Kredit gehörten zu den wichtigsten Problemen dieser Phase.

Doch nach Bewältigung dieser konnte das Heim, das erste seiner Art in Deutschland, nun eröffnet werden. Auch die Menschen in der Region haben die Eröffnung des Heimes unterstützt. Dass die Kinder vor allem nach ihren eigenen Werten erzogen werden, ist eines der wichtigsten Ziele des Heimes. Das Heim steht in enger Verbindung mit den Familien der Kinder, so dass die Kinder in kürzest möglicher Zeit und auf gesundem Wege den Familien zurückgegeben werden können – was ein weiteres wichtiges Ziel des Heimes ist.

Das Heim befindet sich in der Ortschaft Oesterei in Rüthen auf einem 6,5 Hektar großen Grundstück mit 330 Quadratmetern Nutzfläche. Im Einklang mit dem Gesetz wurde für jedes Kind ein spezieller Raum angefertigt, zehn fest angestellte Mitarbeiter werden für die Erziehung der Kinder zuständig sein. Abgesehen davon besitzt das Gebäude eine Sporthalle mit 340 Quadratmetern Größe.

Weitere Informationen über das Heim sind auf der Seite www.evim-kh.de zu finden.