Minarett in Olten in der Schweiz - reuters

In der Schweiz, dem südwestlichen Nachbarland der Bundesrepublik, laufen Einwanderung und Integration anders als in Deutschland ab. Das hängt zum einen damit zusammen, dass die Türken dort nicht die größte und wichtigste Einwanderergruppe stellen, zum anderen mit den besonderen Verhältnissen in der Schweiz.

Sie sind einerseits durch Weltoffenheit gekennzeichnet, andererseits durch Enge des Blicks und Ablehnung von Migranten. Aber das Endresultat sieht gar nicht so schlecht aus, wenn man die Eindrücke von einer Lesereise zusammenfasst, die den Autor dieses Beitrags in den letzten Tagen nach Zürich, Bern und Genf führte.

Zürich, eine Halbmillionenstadt, in malerischer Lage am gleichnamigen See gelegen und mit dem grandiosen Hintergrund der Alpenkette ausgestattet, ist schon immer ein Hort für politisch und wirtschaftlich bedrängte Menschen gewesen. Aber die jungen Türken, die hier mittlerweile in der dritten Generation dort leben, erinnern auch daran, dass das wohlhabende Land während der Zeit des Nationalsozialismus seine Grenzen schloss, dass die Parole von wegen „Das Boot ist voll“ umherging, obwohl das Schiff durchaus noch Aufnahmekapazitäten hatte.

Ähnlich wie in der Bundesrepublik ist diese Generation in der schweizerischen Gesellschaft voll angekommen. Ein junger Mann, der beim Abendessen mit seiner Frau mir gegenübersitzt, hat vor wenigen Monaten sein Examen an der renommierten Eidgenössischen Technischen Hochschule bestanden. Die junge Volkswirtin, die die Abendveranstaltung moderiert, ist eine erfolgreiche Managerin in einer der Top-Banken des Landes. Das, was sie mir im Anschluss über sichere Geldanlage verrät, leuchtet mir auf Anhieb ein.

Begeisterung in Oerlikon

Und doch wirkt der Abend in einer Bibliothek des Arbeitervorortes Oerlikon wie die Zusammenkunft einer verschworenen Gemeinschaft, in die sich ähnlich wie in Deutschland nur wenige Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft verirren. Der Leiter der Bibliothek, ein Deutschschweizer, ist vom Zuspruch, den die Lesung aus dem Buch „Wir sind Teil dieser Gesellschaft“ dennoch erfährt, beeindruckt und zeigt dies auch in seinen knappen Begrüßungsworten. Anschließend geht es – wie auf den anderen Etappen der Reise auch – um die Bildungserfolge der Hizmet-Bewegung. Eine soeben erschienene Studie über Gülen und die Situation seiner Anhängerschaft, veröffentlicht vom renommierten deutschen Think-Tank SWP, erleichtert die Vermittlung der größeren Zusammenhänge. Aber der Abend verläuft entspannt und friedlich und klingt mit türkischer Musik in den Räumlichkeiten der Bibliothek aus.

Bern, von wo aus die ansonsten auf ihre kantonale Kleinteiligkeit fixierte Schweiz – in erstaunlich monumentalen Gebäuden – regiert wird, stellt einen starken Kontrast zu Zürich dar. Hier ist das Häuflein der Hizmet-Anhänger in einer Stadt der Administration und der Botschaften verständlicherweise klein. Mühelos findet es am Abend ausreichend Platz auf den zusammengefalteten Teppichen eines eleganten großen Verkaufsraumes, der von der einen Seite einer zum Weltkulturerbe zählenden Straße durch den Häuserblock hindurch bis zur nächsten Straße reicht. Der Inhaber begrüßt den Gast herzlich, vom Typ her könnte der Mann ein Universitätsprofessor sein.

Einwanderer machen ihren Weg

Auch in Bern umrahmt türkische Musik den Lese- und Diskussionsabend, aber die kleinen, eingestreuten ironischen Bemerkungen verfangen hier nicht. Man lebt hier am Rande der Alpen, die offene Landschaft der Banken- und Handelsstadt Zürich ist für Schweizer Verhältnisse weit entfernt. Und in Bern, so wispert mir mein junger Begleiter zu, der seine Dienstzeit in der Armee schon hinter sich hat, seien die Leute in der Reaktion nun einmal anders und langsamer.

Völlig anders der Abschluss eine Zugstunde weiter am nächsten Tag in Genf. Dort empfängt mich eine Truppe von jungen Türken, die wie Franzosen aussehen, vor allem der Leiter des Dialogbüros. In Genf, so mein Eindruck, hat man es einerseits leicht, weil die Hälfte der Einwohner Ausländer sind.

Aber bei etwas genauerem Hinschauen stellt man auch fest, dass man nur dann zu den „happy few“ gehört, wenn man alteingesessen ist oder für die internationalen Organisationen arbeitet. Die jungen Schweizer Türken schaffen es trotzdem. Optimismus und Zukunftshoffnungen begleiten auch diese Veranstaltung. Die Menschen haben Wurzeln geschlagen.