Türkische Bürger erwarten in Hamburg die Ankunft des Zuges, der anlässlich des 50. Jahrestages der Ankunft des ersten türkischen Gastarbeiters aus München einfährt.

Mehr als 50 Jahre sind es schon her, seit die ersten Gastarbeiter aus Istanbul nach München gekommen waren. Von vielen sind sie sogar liebevoll und dankbar empfangen und aufgenommen worden. Sie arbeiteten von morgens bis abends mit dem Gedanken, bald wieder in die geliebte Heimat zurückzukehren.

Doch Jahre vergingen und weitere Familienangehörige kamen, unsere Väter und Mütter. Einige kamen noch in sehr jungem Alter an und hatten so noch das Glück, hier in Deutschland in den Kindergarten und zur Grundschule gehen zu können. Die anderen aber kamen etwas später und fingen sofort mit dem Arbeiten an. Umgeben von vielen Hemşehris (Landsleuten) in den Fabriken lernten sie so immerhin das nötige Deutsch, das ihnen für die Verständigung in den verschiedensten Ämtern reichte.

Wir als Kinder bewunderten noch diese Sprachkenntnisse unserer Väter und Mütter und nahmen sie uns überglücklich zum Vorbild. Sie waren für uns seit eh und je die Sprachgenies. Doch je älter wir wurden, umso stärker merkten wir, dass die Aussprache unserer Eltern dann doch etwas anders klingt als unsere.

Ja, sie haben für Deutschland nicht nur körperlich viel geleistet, sondern auch sehr viel Humor in die Sprache hineingebracht. Ich habe hier eine kleine Liste von Wortneuschöpfungen zusammengetragen, die aus der Aussprache einzelner deutscher Wörter, die von unseren Großeltern, aber auch noch von unseren Vätern und Müttern im Alltag verwendet wurden und immer noch verwendet werden, aufgeschrieben.

Niks gehen diese Somma Türkei

Das Ergebnis gibt einen kleinen Einblick darin, worum sich das Alltagsleben vieler ehemaliger Gastarbeiter und ihrer Kinder und Enkel drehte und zum Teil immer noch dreht:

Brötchen – Burutschin, Legosteine – Ligolar, Volkswagen – Woswagen, Iphone – ayfon, Finanzamt – Finanzam, Arbeitsamt – arbayszam, Lohnsteuer – Loschdehr, Steuerberater – Schtoyabrata oder loystiyeci, Arbeit – arbayt, Feierabend – fayamn, Stuttgart – Schutututgart, Nürnberg – Nürünbeg, Kirchheim – kirayim, Ingenieur – Incinör, Computer – Kompita, Gymnasium – Jimnasum, Hauptschule – Haptşule, Hausmeister – havuzmaystir, Spielen – Schipilen, Kleingeld – kilaynageld, zurück – surük, Zwiebel – sivibil, schnell – schinel, Dummkopf – Dummkoff

Nicht nur die Aussprache einiger Wörter, sondern auch viele Wortschöpfungen, idiomatische Neukreationen und Imaginationen bringen den Zuhörer oder Leser zum Lachen:

Ecke drehen – köşeyi dönmek; zu deutsch: schnell reich werden

Kopf kaputt – Kopfschmerzen

Ich gebe dir diese tot Preise – günstiger Gesamtpreis (ölü fiyatına)

Auch kaputt Geld nehmen? – Nimmst du auch Kleingeld?

Komahiya – Komm her!

Was kostin diese? – Was macht das aus?

Oder auch der ominöse Satz: Niks gehen dise Somma Türkei.

Ins Türkische übernommen und doch in der Türkei nicht verstanden

Zu großer Bedeutung in der deutschtürkischen Community haben es auch eingedeutschte Wörter in der türkischen Alltagssprache gebracht. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass ich in der Türkei mit Wortschöpfungen wie „ben Kauf´a gidiyorum“ (ich gehe Einkaufen), „Krank almak“ (sich attestieren lassen), Doktor-Terminim var (ich habe einen Arzttermin), benim oğlum Incinör olcak (Mein Sohn wird ein Ingenieur) oder Haaadi Tschüss (Na dann, Tschüss) nicht weit komme. Bis ich verstand, dass die Begriffe Kauf und Termin doch nur in der deutschen Sprache präsent sind, dauerte es eine ganze Weile…

Man sollte populärwissenschaftliche Analysen dieser Art aber nicht als Belustigung oder Auslachen der Eltern sehen, sondern sie als Erscheinungsformen einer natürlichen Sprachentwicklung genießen. Denn immerhin haben sie es geschafft, mit ihrem Deutsch spätere Ärzte, Staatsanwälte, Ingenieure oder Theologen zu erziehen. Wir danken ihnen dafür.

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