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Der Putschversuch von 2016 hat auch die türkische Community in Deutschland tief gespalten. Viele türkische Akademiker kamen nach Deutschland, die wenig mit den bisher hier lebenden Türken zu tun haben. Vor allem Erdogan-Anhänger verstehen es als einen Dienst am Vaterland, wenn sie “Volksverräter” zu denunzieren. Dennoch bleibt das Konfliktpotenzial gering – Extremisten aus beiden Lagern ausgenommen.^

Wenn Murat T. morgens um 8 Uhr seine Wohnung nahe Köln verlässt, blickt er  zurück zu seinen winkenden Kindern und oft genug in den Himmel über seinem Kopf. Diese Freiheit wurde ihm in seiner Heimat, der Türkei, geraubt. Heute ist sie ihm in Deutschland umso wichtiger – genauso, wie endlich wieder mit seiner Familie zusammen sein zu können.

Murat T. saß ohne genaue Anschuldigung sechs Monate in einem türkischen Gefängnis in Untersuchungshaft, teilte mit Tausenden Türken dasselbe Schicksal. Seine Freilassung sieht er als Glück an. Eine besondere Begründung für seine Freilassung habe es nicht gegeben. „Als ich sah, dass meine Freiheit nicht mehr in meiner Hand lag, sondern von der Laune eines Richters abhing, konnte ich mich selbst nach meiner Entlassung nicht frei fühlen”, erinnert sich der Jurist.

Vor wenigen Monaten ist er vorerst alleine zu Fuß über die gefährliche Grenze zu Griechenland geflohen. Der Weg führt über Berge und den wilden Fluss Evros hindurch. Der reißende Strom kostete bereits Tausende das Leben. Nicht so Murats Familie: Er schaffte es, mit viel Glück und über Umwege, sie über den gleichen Weg im Februar nach Deutschland zu holen.

Der 43-jährige ist nicht der einzige türkische Flüchtling, der trotz der Gefahren im Winter nach Deutschland aufbrach. Nach dem Putschversuch 2016 stieg die Zahl der Asylbewerber aus der Türkei stetig. Während den deutschen Behörden 2016 noch 5.742 Asylanträge aus der Türkei vorlagen, stieg diese Zahl im 2017 auf 8.483. Im Januar und Februar 2018 stellten bereits 1.429 türkische Staatsbürger einen Antrag auf Asyl in Deutschland. Zugleich stieg auch die Schutzquote deutlich an. Laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) wurden in den ersten Monaten 2018 bereits 42,3 Prozent der Anträge positiv entschieden. Die Gesamtschutzquote für Asylanträge von Türken betrug Ende 2017 28,1 %.

Das BAMF ist nach anfänglichen Problemen – zum Beispiel waren türkische Erdogan-Spitzel unter den Übersetzern – effizienter geworden. Durch die massiven Einschränkungen der persönlichen Freiheiten der türkischen Bürger, die allgemeinen Menschenrechtsverletzungen und die willkürlichen Verhaftungen in der Türkei ist das BAMF bei der Erteilung von Schutz generell positiver geworden. Auch das derzeitige diplomatische Tauwetter zwischen Berlin und Ankara hat bislang keine negativen Auswirkungen auf den politischen Schutz gehabt.

Deutschland fährt zwar keinen harten Kurs gegenüber der Türkei. So werden völkerrechtlich bedenkliche Militäreinsätze mit Rüstungsgütern indirekt unterstützt. Dennoch ist die Haltung in der Flüchtlingsfrage ein klares Statement an den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan: Wir sind Freunde, aber auch Freundschaften haben ihre Grenzen. Alles andere würde Erdogan in die Karten spielen.

Flucht nach Deutschland, trotz hoher Zahl an Erdogan-Fans

Warum kommen Türken, die vor Erdogan flüchten, ausgerechnet in ein Land, in dem die meisten Türkeistämmigen außerhalb der Türkei leben? Unter denen dann auch viele Erdogan-Anhänger sind? In ein Land, in dem Erdogan-freundliche Organisationen, wie Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD)  oder der Osmanen Germania BC vertreten sind und der türkische Verband Ditib mit Spionage-Vorwürfen gegen Oppositionelle auffällig geworden ist .

Das hat einerseits mit dem intakten Rechtssystem der Bundesrepublik zu tun. Die Verfolgten wissen, dass Deutschland sie nicht einfach zurück in Erdogans Hände übergeben würde.

Andererseits wollen die Geflüchteten, die in ihrer Heimat eine akademische oder unternehmerische Karrieren begonnen hatten, ihre Ambitionen in Deutschland verwirklichen. Für viele ist es das erste Ziel, schnellstmöglich Deutsch zu lernen und eine Arbeit zu finden. Das heißt auch: Viele der türkischen Geflüchteten sind potenzielle Steuerzahler. Als Starthilfe benötigen sie zum einen selbst finanzielle und strukturelle Unterstützung. Zum anderen haben sie in Deutschland bereits Netzwerke, die sie in Anspruch nehmen und auf deren Unterstützung sie im Alltag zählen können.

Dies gilt sowohl für verfolgte Kurden als auch für Anhänger Fethullah Gülens. Dem Prediger, der im US-amerikanischen Exil lebt, wird von der türkischen Regierung vorgeworfen, der Drahtzieher des Putschversuchs vom 15. Juli 2016 zu sein. Bislang fehlen hierfür jegliche Belege, was westliche Geheimdienst-Experten immer wieder unterstreichen.

Während die Gülen-nahe Stiftung Dialog und Bildung in Berlin von circa 60.000 bis 80.000 Anhängern in Deutschland ausgeht, schätzt die Kurdische Gemeinde die Zahl der Kurden in Deutschland auf etwa eine Million.

“Ich kannte hier niemanden. Über Freunde habe ich vertrauenswürdige Kontakte gefunden”, sagt der Kurde Sahin Ceylan, der in Köln lebt. Auch er ist wie Murat über den Grenzfluss Evros geflohen. Seine Kinder hat er zuhause zurückgelassen: “Ich möchte sie so schnell wie möglich zurückholen”, sagt er mit Tränen in den Augen. Bevor er sie nachholen kann, muss er noch auf einen positiven Asylbescheid warten.

Eskalation unwahrscheinlich

Vertrauen kommt für die Geflüchteten an erster Stelle. Denn: Wer genau vom türkischen Geheimdienst MIT als Quelle angezapft werden könnte, ist angesichts der antidemokratischen Situation in der Türkei unüberschaubar. Die Geflüchteten leben immer in Furcht vor den zahlreichen Erdogan-Fans in Deutschland. „Wir treten nur mit Menschen in Kontakt, die uns von Vertrauten vermittelt werden. Wir meiden die türkische Community, die hier seit langem lebt. Es wäre sonst wohl nicht zu verhindern, dass uns jemand an die Regierung verrät”, glaubt der Jurist Murat T.

Die Geflüchteten meiden vor allem Kulturvereine, Hochzeitsfeiern oder türkische Geschäfte. Dort ist der türkische Geheimdienst aktiv und nutzt viele Helfer, um an Informationen über geflüchtete Zivilisten zu kommen. Solchen Problemen und Unannehmlichkeiten wollen die Exil-Türken aus dem Weg gehen, um ihr neues Leben in Deutschland nicht zu gefährden. Der Familienvater Murat T. möchte ohnehin, dass seine Kinder eher mit deutschen Kindern befreundet sind, damit sie die Sprache schnell lernen und sich integrieren können. Er weiß: „Wir wollen uns nicht wie die Gastarbeitergeneration isolieren lassen.”

Diese isolierte und oft in die Peripherie großer Städte verteilte deutsch-türkische Community war in der Vergangenheit immer wieder Ziel der Indoktrination und Propaganda türkischer Regierungen, ihrer deutschen Lobbyorganisationen und der Fake-News-produzierenden Medien. Doch das ändert sich gerade. Denn die Türken sind mittlerweile die am besten integrierte Minderheit Deutschlands und leisten einen erheblichen Beitrag zur wirtschaftlichen Kraft der heutigen Bundesrepublik.

Vielen Erdogan-Fans ist bewusst, dass ihr Lebensmittelpunkt in Deutschland ist. In die Türkei würden nur die wenigsten wieder auswandern. Warum also sollen sie sich das Leben in Deutschland versauen, indem sie gewalttätig oder rechtswidrig gegen Oppositionelle vorgehen?

“Klar stehe ich hinter Erdogan. Er hat die Türkei weit vorangebracht”, meint der 29-jährige Düsseldorfer Yilmaz Yanar, der für ein Düsseldorfer Gastronomieunternehmen arbeitet: “Aber ich bin in Deutschland aufgewachsen und habe eigentlich nicht vor, in die Türkei zu ziehen.” So wie Yanar haben viele in der Community eine politische Meinung und stehen hinter Staatspräsident Erdogan. Aber sie tragen die politischen Konflikte eher nicht in die Öffentlichkeit.

Moscheeanschläge in Deutschland: Besonnene Reaktion von Deutsch-Türken

“Extremisten gibt es überall. Sie wollen nur Streit“, sagt Yanar. „Dass es sowas auch in unseren Reihen gibt, kann ich nicht verleugnen. Aber das ist wirklich nur die Minderheit”.

In den vergangenen Tagen hat die aktuelle Anschlagsserie auf größtenteils türkische Moscheen in Deutschland und die ruhige und besonnene Reaktion der Deutsch-Türken gezeigt, dass diese Community insgesamt friedfertig ist.

Der 29-jährige Yilmaz ist ehrenamtlich in seinem örtlichen Moscheeverein aktiv, hilft immer wieder mal bei Reparaturarbeiten der Moschee, geht mit Jugendlichen, die regelmäßig in die Moschee kommen, Fußball spielen. Wenn er Zeit hat, hilft er ihnen auch bei einfachen Schulaufgaben: “Wir leisten gute ehrenamtliche Arbeit und das schon seit Jahren. Das lassen wir uns von ein paar Radikalen auch nicht kaputtmachen.”

Auch wenn er mit Gülen-Anhängern oder Öcalan-Fans keinen Tee trinken würde: “Mir ist es egal, wenn sie mal in unsere Moschee kommen oder wir mal im selben Lokal sitzen. Aber befreundet sein möchte ich mit ihnen nicht.”

Ja, es gibt sie, die Parallelwelt zwischen Deutsch-Türken und Geflüchteten. Sie ist allerdings vielschichtig und teilt sich auf in die individuellen Lebensrealitäten von Kurden, Laizistisch- Konservativen, Erdogan-, Gülen- und Öcalan-Fans. Die Liste ist endlos. Denn so vielfältig wie heute war die türkische Community in Deutschland noch nie. Auch das ist eine Folge von Erdogans kontrollierter Eskalationspolitik.