29.11.2021, Türkei, Istanbul: Verschiedene Sorten von Gemüse werden in einem Supermarkt zum Kauf angeboten. Angesichts der hohen Inflation und der Abwertung der Landeswährung haben die türkischen Bürger zunehmend Schwierigkeiten, die steigenden Preise für fast alle Waren zu verkraften. Foto: Sadat/XinHua/dpa

In der Türkei ist die Inflationsrate deutlich über die Marke von 20 Prozent geklettert. Trotz Zweifel an den offiziellen Zahlen ist der Wert ein Rekord.

Mit dem vierten Anstieg in Folge erreichte die Teuerungsrate im November 21,3 Prozent, wie das türkische Statistikamt am Freitag in Ankara mitteilte. Zuletzt hatte die Inflationsrate Anfang 2019 über der Marke von 20 Prozent gelegen. Analysten wurden von der Stärke der Teuerung im November überrascht. Im Vormonat hatte die Inflationsrate 19,9 Prozent betragen. Die Opposition und unabhängige Beobachter zweifeln an der Glaubwürdigkeit der Zahlen. Sie gehen von einer wesentlich höheren Inflation aus.

Getrieben wurde der Anstieg der Kosten für die Lebenshaltung vor allem durch höhere Preise für Lebensmittel. Diese waren im November in der Türkei etwa 27 Prozent teurer als vor einem Jahr. Die Erzeugerpreise legten im November sogar um 54,6 Prozent zu. Die Preise, die Produzenten für ihre Waren verlangen, dürften mit einiger Verzögerung zumindest teilweise auf die allgemeinen Verbraucherpreise durchschlagen.

Beobachter sprechen von 58 Prozent

Der türkische Oppositionsführer Kemal Kılıçdaroğlu zog am Freitag vor das Gebäude der Statistikbehörde und warf der Einrichtung vor, die Zahlen zu manipulieren. Sie seien nicht vertrauenswürdig, die Behörde sei zu einer „Palast-Einrichtung“ geworden. Als „Palast“ bezeichnen Regierungskritiker den Amtssitz des türkischen Präsidenten. Unabhängige Beobachter wie die Enagrup schätzen die Inflation deutlich höher ein, im November etwa auf über 58 Prozent.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hatte sich in den vergangenen Monaten immer wieder in die Geldpolitik der Notenbank eingemischt. Entgegen gängiger Expertenmeinung vertritt der Präsiden die Ansicht, hohe Zinsen förderten die Inflation. Viele Notenbanker, die sich mehr oder weniger gegen seine Ansichten stellten, mussten bereits ihren Hut nehmen. Erst jüngst hatte die Bank die Leitzinsen auf 15 Prozent gesenkt – entgegen der Praxis, einer hohen Inflation mit einer Anhebung des Leitzinses zu begegnen.

Der Präsident versprach, dass seine Politik über kurz oder lang Früchte tragen werde und bat um Geduld. Parameter wie die Inflationsrate oder der Währungskurs seien nur „Zahlen, die heute hoch- und morgen wieder runtergehen“.

dpa/dtj