Türkisches Geld

Während manch ein Experte den Emerging Markets insgesamt wieder Chancen auf Erholung einräumt, steht der Türkei die größte Herausforderung wohl noch bevor. Sie war in den vergangenen Monaten wie auch andere Schwellenländer davon betroffen, dass sich internationale Investoren zurückzogen und in den USA anlegten, nachdem die Fed angekündigt hatte, sich schrittweise aus der ultralockeren Geldpolitik zurückzuziehen. In der Türkei kommt nun aber mit dem jüngsten Korruptionsskandal eine neue, zusätzliche Belastung hinzu.

Nach der Entscheidung der türkischen Zentralbank vom Dienstag, den Leitzins nicht anzuheben, ist die Türkische Lira sowohl gegenüber dem Dollar als auch gegenüber dem Euro auf neue Allzeittiefs gefallen. Die türkische Geldwährung verlor nicht nur gegenüber dem US-Dollar 29 Prozent, sondern auch gegenüber dem schwächelnden Euro um 35 Prozent und dem britischen Pfund um 38 Prozent. Die türkische Lira steuert auf diese Weise in eine lange nicht mehr da gewesene Schwächephase. Deren Folgen stellen für die anatolische Wirtschaft eine unheimliche Kraftprobe dar.

Wegen der hohen Inflationsrate waren zuletzt Forderungen nach einer Zinserhöhung laut geworden. Die Notenbanker hätten damit die Währung stützen können. Deren Abwertung hatte sich wegen eines Korruptionsskandals, der das Land in eine politische Krise stürzte, seit Mitte Dezember dramatisch verschärft. Einige Analysten rechnen nun kurzfristig mit einer weiteren Abschwächung der Türkischen Lira.

Zentralbank versuchte aktiv gegenzusteuern

Die Türkische Lira fiel am Freitag auf 2,33 TRY zum US-Dollar und machte die Währung nur noch halb so kräftig im Vergleich zu vor 6 Jahren, als der Lira noch Höhepunkt erklommen hatte. Nun brauchen die Türken die doppelte Menge an Geld um die gleiche Menge an US-Banknoten zu kaufen. Das ist ein teurer Niedergang für eine Nation, die in großem Umfang abhängig von Importen aus dem Ausland ist. Zwar gaben Banker bekannt, dass die Zentralbank in der Türkei mit 3 Milliarden US-Dollar aktiv versuchte, in den Devisenmarkt einzugreifen, doch das schien die Märkte erst einmal wenig zu beruhigen.

Ökonom Erdinç Tokgöz sagte der Tageszeitung Bugün im Gespräch, dass es die Lira nun mit einer ernsten Abwertung zu tun hat. Verantwortlich für den Niedergang macht Tokgöz den zunehmend autoritären Führungsstil des türkischen Premierministers  Recep Tayyip Erdoğan zusammen mit der unwirksam gebliebenen Geldpolitik in Ankara. „Lokale als auch internationale Unternehmen tauschten ihre Türkischen Lira in harte Dollar-Noten um. Das hatte einen enormen Kapitalabfluss zur Folge“, erklärt Tokgöz.

Babacan mahnt in Davos zur Gelassenheit

Die türkische Regierung zeigte sich jedoch unbeeindruckt von den Entwicklungen auf den Devisenmärkten. „Was wir derzeit in der Türkei vorfinden, ist lediglich ein Zinsanpassungsprozess. Es ist nicht nur das Kürzertreten der US-Zentralbank. Die jüngsten innenpolitischen Ereignisse lösten eher die hohe Marktvolatilität der Türkischen Lira aus. Der Staat, die Banken und türkische Haushalte sind jedoch auf solche Fluktuationen gut vorbereitet“, sagte der stellvertretende Ministerpräsident Ali Babacan in Davos beim World Economic Forum (WEF).

Unterdessen prognostiziert er ein Wirtschaftswachstum von rund 4 Prozent im Jahr 2014 und sagte, er erwarte, dass sich das Leistungsbilanzdefizit der Türkei verringern werde.

Nun hat die türkische Zentralbank für Dienstag erstmals seit rund zweieinhalb Jahren eine Sondersitzung einberufen. In dessen Rahmen sollen „die jüngsten Entwicklungen bewertet und die notwendigen Schritte für den Erhalt stabiler Preise eingeleitet werden“. Experten gehen davon aus, dass der Leitzins kräftig angehoben wird. Ökonom Timothy Ash von der Standard Bank rechnet mit einem „aggressiven“ Zinsschritt. Derzeit liegt der Zinssatz bei 4,5 Prozent.