Gülen Entführung
Der türkische Geheimdienst hat erneut im Ausland zugeschlagen. Diesmal wurde der Neffe von Fethullah Gülen verschleppt. Symbolfoto: Shutterstock.com

Erst kürzlich sorgte Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko mit der erzwungenen Notlandung eines Passagierflugzeugs zwecks Festnahme eines Kritikers für viel Wirbel. Ähnliche Entführungsaktionen gehören für den türkischen Staatspräsidenten schon länger zum Alltag. Wie sein Geheimdienst jetzt wieder unter Beweis stellte.

Die türkische Regierung hat erneut einen mutmaßlichen Regierungskritiker aus einem ausländischen Staat entführt. Das berichtete die staatliche Nachrichtenagentur „Anadolu“ am Montag. Diesmal traf es Selahaddin Gülen, einen Neffen des in der Türkei umstrittenen muslimischen Gelehrten Fethullah Gülen.

Wie aus der Meldung der Nachrichtenagentur hervorgeht, soll der türkische Geheimdienst „MIT“ die Operation im Ausland durchgeführt haben. Wo genau diese stattfand, wurde nicht erwähnt. Während die kenianische Presse berichtet, dass Gülen in Kenia festgenommen wurde, sprechen einige türkische Agenturen von einem Land in Fernost. Dem Mann werde „Mitgliedschaft in einer Terrororganisation“ vorgeworfen. Er stünde in Kontakt zu ranghohen Verantwortlichen der Organisation, womit die Hizmet-Bewegung (auch bekannt als Gülen-Bewegung) gemeint ist.

Die türkische Regierung wirft seit dem Putschversuch 2016 vor allem Anhänger:innen der Bewegung Mitgliedschaft in einer Terrororganisation vor und hat seitdem Zehntausende Menschen verhaftet sowie Hunderttausende Bedienstete aus dem Staatsdienst entlassen. Um Repressionen und Folter zu entgehen, sind viele von ihnen ins Ausland gegangen. Als Beleg für die „Mitgliedschaft in einer Terrororganisation“ werden oft auch banale Aktivitäten wie beispielsweise das Führen eines Kontos bei der als Gülen-nah geltenden „Bank Asya“ herangeführt. Die Bewegung selbst bestreitet die Vorwürfe.

Hat ein ausländischer Staat mitgewirkt?

Unklar bleibt nicht nur, wo der Mann verhaftet wurde, sondern auch, ob der Geheimdienst bei der Operation durch einen ausländischen Staat unterstützt wurde. Dies war beispielsweise 2018 der Fall, als sechs türkische Staatsbürger aus dem Kosovo entführt und in die Türkei gebracht wurden. Damals sorgte der Vorfall für eine Regierungskrise in dem Balkanland. DTJ-online berichtete. Der Bruder des entführten Mannes, Kemal Gülen, der in der Türkei als Moderator des ehemaligen TV-Senders „Samanyolu TV“ bekannt war, schrieb auf Twitter, dass ein Gericht in Kenia sich vor kurzem gegen eine Abschiebung seines Bruders entschieden habe und die Festnahme nicht durch eine offizielle Vereinbarung zwischen der Türkei und Kenia geschehen sein könne.

Erdoğan kündigte Entführung persönlich an

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan hatte die Verhaftung in einem Statement am 19. Mai persönlich angekündigt. Damals sagte er, dass ein ranghohes Mitglied der Hizmet-Bewegung verhaftet worden sei und der Name demnächst bekannt gegeben werde. Einen Tag später veröffentliche Seriyye Gülen, die Ehefrau des verhafteten Selahaddin Gülen, dass ihr Mann am 3. Mai von Unbekannten mitgenommen wurde und man seitdem nichts mehr von ihm gehört habe. In der kenianischen Presse wurde schon länger über eine mögliche Entführung durch den türkischen Geheimdienst spekuliert. Dort war sogar die Rede von einer zweiten Person, die zusammen mit Gülen verschleppt und wenige Tage später wieder freigelassen worden sein soll.