Die Türken sind süchtig nach Serien. Kein Wunder, wenn in jedem Sender jeden Tag mindestens zwei Star-besetzte Serien laufen, die pro Folge etwa eine Stunde und dreißig Minuten dauern. Drama, Intrigen, Macht, Mafia, Sexualität und Gewalt – die Themenpalette ist vielfältig. Serien, die andere Schwerpunkte setzen, sind nicht von langer Lebensdauer. Nicht zuletzt enden Serien in der Türkei aber auch wegen politischer Gründe.

Einer dieser Serien war „Leyla ile Mecnun“, die vom türkischen Staatsfernsehen TRT abgesetzt wurde, nachdem einige Serienschauspieler und der Regisseur bei den Gezi-Protesten demonstrierten. Auch Osman Sonant gehörte zum Team. Wir sprachen mit ihm über seine Rollen und den türkischen Serien-Sektor.

Sie haben mit Ihrer Rolle als charmanter Dieb und fester Bestandteil der Mecnun-Crew in der Kultserie Leyla ile Mecnun viele Zuschauer für sich gewonnen. Inwieweit hat sich „Yavuz der Dieb“ auf Ihr Leben ausgewirkt? Was hat er mit Ihrer Schauspielerei gemacht?

Selbstverständlich ist Yavuz ein Meilenstein in meinem Leben. Denn wer mag schon keinen Dieb, der zugleich lyrisch, romantisch, naiv, ein echter Freund, Gedichte-Fan und Bücherwurm ist. Menschen aus allen Bereichen der Gesellschaft, aus allen wirtschaftlichen und sozialen Schichten schlossen Yavuz ins Herz. Die Zuschauer sahen uns mit einer Freude, als sähen sie durch uns bekannte Charaktere aus Trickfilmen auf ihren gewohnten Straßen. Dabei verwenden beinahe alle den Begriff der Aufrichtigkeit. Als Schauspieler habe ich von meinen Freunden vom Set sehr viel gelernt. Das alles hat sich dann auf meine späteren Rollen ausgewirkt. Selbst wenn man kein echtes Team ist kann Erfolg, Ruhm und Geld kommen, aber wenn man zu einem echten Team wird, dann kommt die Freude und Begeisterung hinzu. Dann lebst du die Leidenschaft und wenn man einmal auf den Geschmack kommt, entsteht etwas ganz besonderes.

Sie haben zuletzt in der Serie „Bes Kardeş“ eine wichtige und sympathische Rolle verkörpert. Obwohl die Serie sehr hochwertig gedreht war und eine Botschaft der Verständigung, Toleranz und Freundschaft vermittelte, wollte das türkische Publikum anscheinend die Serie nicht weiter gucken. Was sind für Sie die Gründe?

Der Charakter Orhan und die Serie haben für mich einen unvergleichbaren Stellenwert. Es war rundum eine sehr kostbare Produktion. Es ist aber tatsächlich so, Themen wie Freundschaft, Brüderlichkeit, Toleranz, Vielfalt und weitere vereinende Werte haben im Vergleich zu Themen wie Verrat, Rache, Selbstsucht keine Chance. Diese Themen werden auf anderen Kanälen und in den meisten Serien auch vom Zuschauer bevorzugt. Wenn wir diesen Umstand berücksichtigen, waren wir eigentlich bereits am Anfang schon am Ende. Auch wenn man viele weitere Gründe auflisten könnte, bin ich glücklich, dass es so ein Werk gegeben hat. Und dass ich ein Teil davon war.

Viele Schauspieler und Regisseure beklagen in der Türkei die langen Serienzeiten und das ständige Verschieben in den Sendezeiten. Manche Sendezeiten werden als Abstellgleis wahrgenommen. Serien, die auf die Sendezeit 22 Uhr abrutschen, wissen irgendwie schon, dass das Ende nah ist. Wie ist die Anspannung für einen Schauspieler?

Die Sendezeiten werden schon seit Jahren kritisiert. Soweit ich es verstehe, ist es eine Angelegenheit zwischen den Bossen der Medien und den Firmen mit ihren Werbungen. Uns trifft keine Schuld. Wenn sie sich bei den Werbungszeiten und den Preisen einigen können, wäre das Problem gelöst. Aber ich denke, all das würde sich auf den gesamten Sektor negativ auswirken. Der Sektor will in dieser Hinsicht auch keine Gebühren in Kauf nehmen und deshalb nimmt es jeder so hin, wie es kommt. Es ist ein utopischer Wunsch, eines Tages ein System zu erleben, bei dem alle Strukturen gefestigt sind. Schauspieler sind von allem beeinflusst, oder sie finden etwas, um sich beeinflussen zu lassen. Da schaut man besser nicht auf uns. Es stecken aber nicht nur Schauspieler in diesem System fest, auch die vielen Mitarbeiter hinter der Kamera haben eigentlich die Nase voll und sind müde von alledem.

In Deutschland wird die Zahl 13 als unheilbringend betrachtet. Es ist ein Aberglaube, der sich durchgesetzt hat. In der türkischen Serien-Produktion hat die Zahl 13 auch eine wesentliche Bedeutung, für viele auch eine unglückliche. Was ist los mit der 13?

Ich kann dazu nicht viel sagen, aber es gibt grundsätzlich Verträge, die 13 Folgen einschließen. Über weitere 13 Folgen geht der Vertrag danach auch eventuell weiter. Würde sich möglicherweise alles bessern, wenn wir diese 13-Folgen-Regelung korrigieren? Ich weiß es nicht.

In der türkischen Filmelandschaft sind auch einige Schauspieler aus Deutschland unterwegs. Nursel Köse und Fahriye Evcen sind zwei von diesen Schauspielern, die aus Deutschland kommen. Sind Sie eine Bereicherung für die Türkei?

Jeder, der in seine Rolle gebührend schlüpft, der seine Arbeit respektiert, ist eine Bereicherung. Sie werden von den Zuschauern geschätzt, das zählt.

Istanbul ist eine Stadt im ständigen Wandel. Dabei wird die Stadt auch immer anstrengender und die Fülle an Menschen und an Verkehrsteilnehmern sowie der Lärm und die vielen Bauprojekte machen die Menschen müde und hektisch. Wie gehen Sie damit um, denn Künstler brauchen für gewöhnlich auch einen geeigneten Rückzugsort?

Die Stadt ist anstrengend, aber für diejenigen, die wissen, wie mit ihr umzugehen ist und die sich trotz allem mental fit halten, ist sie eine unerschöpfliche Quelle, eine unendliche Fundgrube.

Bei welchen Projekten werden wir Osman Sonant demnächst wieder sehen können? Reizt Sie das Ausland nicht?

Im August habe ich in „Kırık Kalpler Bankası“ (Deutsch: Die Bank gebrochener Herzen) eine sehr interessante Rolle verkörpert. Die Schnittarbeiten des Films sind abgeschlossen. Ich denke der Film nimmt in erster Linie an Festivals teil. Daneben habe ich in einer TRT Filmproduktion namens „Son Takla“ (Deutsch: der letzte Salto) die Hauptrolle übernommen. Die Dreharbeiten waren im November. Das wird demnach auch bald zu sehen sein. Ansonsten gibt es derzeit viele lose Anfragen.

Stichwort Ausland: Natürlich reizt mich das, denn das Englisch möchte ich ja nicht mit ins Grab nehmen.