Die 22-jährige Tuğçe A. hat ihre Zivilcourage mit ihrem Leben bezahlt. Die Ärzte im Sana Klinikum in Offenbach sollen ihren Hirntod nach unbestätigten Medienberichten schon am Dienstag festgestellt haben. Bestätigen wollte uns das die Klinik und auch die Angehörigen zunächst nicht.

Die Studentin hatte am 15. November in der McDonald’s-Filiale in Offenbach-Kaiserlei Geräusche aus der Toilette gehört und war zur Hilfe geeilt. Zwei junge Frauen und drei junge Männer hatten dort gestritten. Durch ihr Eingreifen und die anschließende Hilfe anderer Gäste verließen die jungen Männer das Schnellrestaurant. Doch was danach geschah, veränderte für immer das Leben der Studentin.

Tuğçe A. schlägt mit Kopf auf

Als die junge Türkin aus Gelnhausen mit ihren Freundinnen die McDonald’s-Filiale verließ, kamen die Männer aus ihren Autos und griffen die Gruppe an. Dabei schlug einer der jungen Männer Tuğçe A. an die Schläfe. Beim anschließenden Aufprall auf den Boden verletzte sich die junge Frau so stark am Kopf, dass nur dank Erster-Hilfe-Maßnahmen das Schlimmste verhindert werden konnte. Sie lag seither im Sana Klinikum in Offenbach und musste künstlich beatmet werden.

Vorwürfe gegen McDonald’s-Personal

Im Anschluss waren Vorwürfe gegen das Personal laut geworden. Augenzeugen hatten berichtet, dass die Gruppe junger Männer schon eine Zeit lang andere Gäste belästigt hätten, ohne dass das Personal eingeschritten sei. „Nach unseren bisherigen internen Prüfungen und der Befragung unserer Mitarbeiter gibt es aktuell für uns keinen Anlass, von einem Fehlverhalten einzelner Mitarbeiter auszugehen. Dies zeigt unseren Erkenntnissen zufolge auch der Videomitschnitt unserer Sicherheitskameras im Restaurant“, heißt es in einer Stellungnahme von McDonald’s.

Strafrechtlich richtiges Verhalten auch ethisch richtig?

Die Bänder liegen auch der Polizei vor. „Ein Anfangsverdacht für strafbares Verhalten (durch das Personal, Anm. d. Red.) wird zur Zeit nicht gesehen“, gab die Polizei in Offenbach auf Anfrage von DTJ-Online bekannt. Das trifft sicherlich für den Fall der unterlassenen Hilfeleistung bei einem Angriff zu. Aber das Nicht-Verhindern rüpelhaften Benehmens dürfte nicht in den Bereich des Strafrechts fallen. In dem Fall ist nicht mehr die Frage nach einem strafbaren Verhalten zu stellen. Sollte der Vorwurf der Gäste also richtig sein, liegt hier in dem Fall zwar kein strafbares Verhalten des Personals vor, wohl aber ein ethisch falsches.

Das Verhalten von Tuğçe ist hier hingegen genau richtig gewesen. Sie ist zur Hilfe geeilt, aber hatte ihre Freundinnen dabei. Zudem kamen den jungen Frauen andere Gäste zur Hilfe. Aber dass die selben Männer draußen auf Tuğçe und ihre Freundinnen warten würden, hätte sie nicht vorhersehen können.

Keine Anhaltspunkte für „Tötungsvorsatz“

Zunächst hieß es in den Medien über den Haupttäter, dass es sich bei dem jungen Mann um einen mehrfach Vorbestraften handele. Nach DTJ-Recherchen weist das Register des Haupttäters vier Eintragungen auf, davon eine wegen Körperverletzung. Es handelt sich also nicht um einen Serientäter. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft in Offenbach gibt es „derzeit keine Anhaltspunkte für einen Tötungsvorsatz, sodass nicht wegen versuchten Totschlags ermittelt wird“.

Große Anteilnahme

Ein rund zehnminütiges Video, in dem Familienangehörige, Freunde und Fremde ihre Anteilnahme mit Tuğce ausdrücken, wurde innerhalb weniger Tage im Internet mehr als 100 000 Mal aufgerufen. Hunderte hatten auch bei zwei Mahnwachen Trauer und Entsetzen über die Tat zum Ausdruck gebracht. Eine dritte Mahnwache mit noch mehr Teilnehmern war für diesen Freitagabend – Tuğces Geburtstag – vor dem Klinikum angesagt. Kurz nach den ersten Medienberichten über den Tod der jungen Frau bekundeten viele ihre Trauer in den sozialen Netzwerken.