Der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu geht von einer Putsch-Gefahr in Kirgistan aus. Seine Annahme stütze er auf die Vielzahl der Hizmet-Schulen in dem Land, die dem Prediger Fethullah Gülen nahe stehen. Er habe die Regierung offiziell angeschrieben und seine Sorgen zu Wort gebracht, sagte er in der vergangenen Woche.

Die Regierung vermutet die Bewegung hinter dem gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli und hat ihre seit fast drei Jahren andauernde „Hexenjagd“ gegen mutmaßliche und vermeintliche Anhänger in den letzten Wochen enorm intensiviert. Nun macht sich Ankara daran, den Kampf auch im Ausland zu vertiefen.

Atambayev: „Das ist absurd“

Der kirgisische Staatspräsident Almazbek Atambayew erklärte in einer Pressekonferenz nun, dass man diese Gefahr für „absurd“ halte. „Falls unsere türkischen Kollegen so intelligent und weitsichtig sind, warum haben sie dann im eigenen Land den Putsch nicht frühzeitig verhindert? Natürlich nehmen wir die Erklärungen zur Kenntnis und werden das prüfen. Aber niemand soll sich anmaßen, uns zu verschrecken oder zu belehren.“

Man wisse die Hilfen der Türkei in schwierigen Zeiten zu schätzen, aber Kirgistan sei ein unabhängiges Land. „Wir entscheiden, was hier passiert“, unterstrich Atambayew.

Die Schulen der Hizmet-Bewegung hätten dem Land in seiner Entwicklung gut getan, sie würden nicht geschlossen, nur weil das die Türkei verlange, erklärte zudem der kirgisische Politikwissenschaftler Iskender Ormon Uulu gegenüber BBC Türkçe.

Hizmet-Schulen in Kirgistan gehören zu den besten des Landes

„Diese Schulen zu schließen ist aus Sicht des Staates nicht wirklich logisch. Es würde nicht seinen Interessen dienen. Damit man sie schließen kann, müsste der Staat Alternativen anbieten. Die Absolventen dieser Schulen lieben das türkische Volk, die Türkei. Sie wollen in die Türkei gehen, um das Land kennenzulernen. Sie lernen Türkisch. Es ist schade, dass diese Schulen, die eine Art Soft Power der Türkei darstellten, nun wegen politischer Rechnungen geschlossen werden sollen“, so der Experte.

In Kirgistan wurde die erste Hizmet-Schule im Jahr 1992 eröffnet. Heute gibt es etwa 20 Bildungseinrichtungen, die zu den besten des Landes gehören. Regelmäßig nehmen viele kirgisische Schüler auch an den von der Bewegung organisierten internationalen Sprach- und Kulturfestivals teil.

In Kirgistan verfolge man sehr wohl die Entwicklungen in der Türkei, aber die Darstellung der Regierung, wonach die Gülen-Bewegung hinter dem Putschversuch stünde, werde nicht als glaubwürdig eingeschätzt, so Uulu. Die Art und Weise, wie brutal gegen die Bewegung vorgegangen werde, obwohl noch kein Gerichtsbeschluss vorliege, verstärke die Zweifel.

Indonesien: „Alle Schulen unterliegen indonesischen Vorschriften“

Ein weiteres Land, das die Schließung der Hizmet-Schulen kategorisch ablehnt, ist Indonesien. Das bevölkerungsreichste muslimische Land der Welt, widersetzt sich der türkischen Aufforderung, neun Schulen zu schließen, die dem Prediger Fethullah Gülen nahe stehen sollen. „Die genannten Schulen haben seit 2015 keine türkischen Verbindungen mehr“, teilte das Außenministerium in Jakarta am Dienstag mit. „Alle Schulen unterliegen indonesischen Vorschriften.“

Die türkische Botschaft hat nach eigenen Angaben bereits vor einiger Zeit vor Aktivitäten der ihrer Ansicht nach „terroristischen Fethullah-Organisation“ in Indonesien gewarnt.

Sudan und Somalia hingegen wollen die Schulen auf Geheiß der türkischen Regierung schließen. Auch andere afrikanische Länder erklärten, man werde das Anliegen Ankaras prüfen.

Politikwissenschaftler: Bewegung sehr anpassungsfähig

Dem Politikwissenschaftler Bayram Balcı zufolge, der die Hizmet-Schulen außerhalb der Türkei erforscht hat, wird es sehr schwer werden, die Einrichtungen schließen zu lassen, besonders vor dem Hintergrund, dass die Türkei und vor allem die AKP von der Präsenz der Schulen profitiert habe – genauso wie die Schulen auch von der AKP profitiert hätten.

Die Gülen-Bewegung sei außerhalb der Türkei auch anders organisiert, sie sei „sehr anpassungsfähig“, sagte Balcı mit Verweis auf seine Studien. In der Türkei habe besonders Erdoğan „die Bewegung in eine Position gebracht, in die sie ohne ihn nicht gekommen“ wäre. Diese Gefahr sei im Ausland nicht gegeben, da die Regierungen die Bewegung nicht in dieser Form unterstützt hätten.

Seine Prognose laute, dass die Bewegung ihren Einfluss in der Türkei komplett verlieren, im Ausland sich jedoch konsolidieren werde.