Türkei: Das schwierige Erbe der Republik

Im 19. Jahrhundert nehmen Europa und Asien einen unvergesslichen Platz in der Geschichte ein. Dieser Abschnitt, welcher mit der Französischen Revolution von 1789 begann, beeinflusste das osmanische, russische und österreich- ungarische Reich. Die Idee der Unabhängigkeit gewann unter den verschiedenen Völkern immer stärker an Bedeutung. Viele Völker waren – bis zu diesem Zeitpunkt – durch ein staatliches System an diese unterschiedlichen Großreiche gebunden.

Ab 1839 zogen immer mehr osmanische Intellektuelle in die Nähe Europas. Tatsächlich geschah dies unter den Bedingungen des Zeitalters der Reorganisation des osmanischen Reiches, doch trotz der erfolgreichen Politik unter der Herrschaft des Sultans Abdühlhamit II, konnte der Untergang nicht verhindert werden. Von dieser Perspektive aus betrachtet, wäre es falsch zu sagen, dass dies eine Folge der Schwächung des Reiches und des wachsenden Staatssystems war. Der Grund für den Untergang des Osmanischen Reiches war nicht das staatliche System, sondern viel mehr die vielzähligen kleinen Gruppen verschiedener Ethnien, welche aufgrund des erstarkenden Nationalismus nach Unabhängigkeit strebten und dies sowohl auf dem Gebiet des Osmanischen Reiches, als auch auf der ganzen Welt.

In der Republik bekamen Ethnie und Kultur einen neuen Stellenwert

Die wahre Forderung der verschiedenen Gruppen im Osmanischen Reich war im Allgemeinen die (politische) Unabhängigkeit. Aufstände und militärische Niederlagen sorgten für großen Landverlust im Osmanischen Reich, die dazu führten, dass sich das Reich in Richtung der heute noch existierenden Staatsgrenzen zurückzog. Viele ehemalige Bewohner des Reiches gingen fort, sodass die Verbliebenen meist Türken, Muslime aus der Balkanregion und Kurden waren.

Zu diesem Zeitpunkt ist in der gerade entstandenen Republik eine neue Phase der tausendjährigen Einheit der verschiedenen Völker Anatoliens erkennbar. Was die Gründung der Republik bewirkte, war keine starke dezentralisierte Struktur, sondern das Gegenteil: eine Struktur, deren wahrer Mittelpunkt überall zu spüren war. Dieses politische „Erbgut“ war nach einem monolithischen Ansatz konstruiert.

Die ethnische Gruppe, welche die größten Einschränkungen bezüglich ihrer Gemeinschaft während der ersten Phase der türkischen Republik spürte, waren die Kurden. Sie unterschieden sich von den Osmanen; ihre Identität, ihre Sprache und ihre Kultur wurden nun abgelehnt.

Man kann nicht behaupten, dass Muslime, die vom Balkan in die Türkei emigrierten, ähnlich viele Probleme zu bewältigen hatten. Sie nehmen heute die türkische Identität an und spielten sogar eine wichtige Rolle für das politische Fundament der türkischen Identität.

Es ist nicht möglich das gleiche über die kurdische Bevölkerung zu behaupten. Während des Aufbaus der Republik zielte man mit vielen Plänen darauf ab, die Kurden voll und ganz in das System zu integrieren; die soziale, ökonomische und politische Integration der Kurden wurde politisch beschlossen. Ungeachtet dessen blieben die Kurden jedoch, zu Recht, konsequent bei der Forderung nach ihrer ethnischen Identität.

In der heutigen Türkei scheint die Formung und Einführung eines politischen Managementsystems, das in der Lage ist von dem hinterlassenen osmanischen Staatssystem zu profitieren, nicht sehr wahrscheinlich. Natürlich ist es möglich die positiven und friedlichen Aspekte dieses Systems erneut abzurufen. Allerdings ist es nicht möglich für die Türkei zu einem veralteten Staatssystem zurückzukehren, da sie sich nach vorne entwickelt.

Bricht das türkische Staatssystem durch den Frieden auseinander?

Inzwischen machen ökonomischen Indikatoren in der Türkei neue administrative und politische Strukturen, wie etwa regionale Autonomie, Föderation unmöglich. Wir sprechen hier von enormen Disparitäten in Einkommens- und Ökonomie Entwicklungen zwischen verschiedenen Regionen dieses Landes. Jegliche Autonomie vor diesen Disparitäten würde sich zum Nachteil der Kurden entwickeln. Selbst in den Ländern der Europäischen Union wurden föderale Systeme über die vergangenen Jahre unaufhaltbar. Die anhaltende Ökonomiekrise entfachte erneute Debatten über das politisch administrative System. Hierbei handelte es sich um Debatten ohne Bezug auf Freiheit oder politische Unabhängigkeit. Das Problem war dabei stets ökonomisch.

Die reiche baskische Region Spaniens steht heute näher an der Unabhängigkeit, sodass es angesichts der 100 Milliarden Euro Schulden Madrids schwer werden dürfte, die Regionen zusammenzuhalten. Das gleiche Phänomen existiert in Belgien mit den Flamen und den Wallonen.

Ein Jahrzehnt des Frieden wird die vereinigte Staatsstruktur der Türkei kaum schwächen. Es wird sie sogar stärken können, wenn die Demokratie die dominierende politische Kraft bleibt und der Ausgleich der ökonomischen Disparitäten vorangetrieben wird.

Orhan Miroğlu ist ein türkischer Politiker und Schriftsteller. Er schreibt für „Today’s Zaman“.