Berlin-Neukölln, Karl-Marx-Straße. Aylin G.* geht auf türkische Passanten zu und reicht ihnen Flyer der regierenden AKP in ihrer Muttersprache. Sie, die AKP, ist seit 2002 an der Regierung. Auch wenn seine Popularität zunehmend abnimmt, ist Erdoğan, der jetzige Staatspräsident und Gründer der Partei, immer noch über die Landesgrenzen hinweg beliebt. Auch und besonders bei deutsch-türkischen Jugendlichen. Die Zustimmung für Erdoğan und die AKP hat mehr emotionale als rationale Beweggründe. Letztendlich beeinflussen die Entscheidungen in Berlin das Leben der Deutschtürken viel mehr, als die Entscheidungen in Ankara. Bei Aylin ist es nicht anders. Trotzdem setzt sie sich dafür ein, dass die Wahlbeteiligung am 7. Juni möglichst hoch ausfällt und wünscht sich, dass jeder, der zur Wahlurne geht, sein Kreuz bei der AKP macht.

Ziel der AKP-Strategen: Möglichst hohe Wahlbeteiligung mit Methoden aus der Türkei

Nachdem die Beteiligung der wahlberechtigten Türken in Deutschland an den Präsidentschaftswahlen des letzten Jahres mit 13,5 Prozent sehr gering ausgefallen war, gründete die AKP Anfang 2015 in Europa 30 Zentralen der Wahlkoordination, sogenannte SKMs. Kurze Zeit danach erklärte Harun Tüfekçi, Vorsitzender der SKM, in Köln den Wahlkampf in Europa für eröffnet. Da die AKP-Strategen fast 70 Prozent der europäischen Türken auf ihrer Seite sehen, ist ihr eigentliches Ziel, die Wahlbeteiligung zu steigern. Dabei setzen sie auf die sogenannten „Gönüllüler“ (zu Deutsch: Ehrenamtliche/Freiwillige).

Oft sind die Freiwilligen Mitglieder von Frauen- und Jugendorganisationen und in AKP-nahen Verbänden wie z.B. der UETD aktiv. Laut der Facebook-Seite der SKM Berlin, derzeit die einzige Quelle, über die man an verlässliche Informationen gelangt, sind die „Gönüllüler“ in ganz Berlin in kleinen Gruppen organisiert. Sie verteilen Informationsmaterial auf den Straßen, werfen Flyer in Briefkästen, sind fast auf jedem türkischen Basar in Kreuzberg oder Neukölln präsent. Zudem statten sie „Haus- und Kleinhändlerbesuche“ für mehr Wahlbeteiligung in Deutschland ab. In Deutschland kennt man diese Vorgehensweise, die bis in das Private vordringt, kaum. In der Türkei ist sie das Erfolgsrezept der Refah Partisi in den 1990er und der AKP in den vergangenen Jahren gewesen.

Doch woher kommt diese Begeisterung, Hingabe und Motivation der Jugendlichen? Warum opfern viele Jugendliche, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, ihre Freizeit für eine türkische Partei? Geht es ihnen um eine politische Karriere? Warum sind sie nicht Mitglied in einer deutschen Partei?

Erdoğan – Führer und Retter der islamischen Welt

Aylin sagt über ihre Motivation: „In der Ausländerbehörde wurde ich nicht ernst genommen. Als der Sachbearbeiter aber bemerkte, dass ich ein Gymnasium besuche, benahm er sich komplett anders. Damals war das Image der Türken schlecht, heute kann ich aber mit Stolz sagen, dass ich eine Türkin bin, und das dank der AKP. Bevor die AKP an die Macht kam, ist die Situation aber ganz anders gewesen.“ Aylin hat in Berlin ihr Abitur gemacht und studiert jetzt an der Freien Universität.

Wenn Aylin „AKP“ sagt, meint sie eigentlich Erdoğan. Der türkische Präsident sieht sich selbst mehr als „nur“ ein Staatsmann. Er ist der Führer einer muslimischen Bewegung, der ewige Vorsitzende der AKP und Hoffnungsträger der gesamten islamischen Welt. So sehen es auch viele seiner Anhänger in Berlin. Am deutlichsten zeigt sich das in der pro-palästinensischen und anti-israelischen Rhetorik Erdoğans. Die Bindung an die AKP erfolgt bei vielen über eine emotionale, persönliche Begeisterung für Erdoğan.

Deswegen sprechen Politikwisschenschaftler wie Prof. Dr. İhsan Yılmaz von „Erdoğanismus“. Yılmaz, Autor des Buches „Vom Kemalismus zum Erdoğanismus“ bezeichnet den Kemalismus und den Erdoğanismus, den er als eine islamistische Ideologie sieht, als „Zwillingsbrüder“.  Er begründet seine These mit den folgenden Worten: „Es gibt einen Konflikt zwischen zwei modernen Ideologien. Islamismus und Kemalismus sind zwei Ideologien, die den Staat ins Zentrum stellen, über den Staat die Gesellschaft formen wollen und eine Utopie von einer idealen Gesellschaft haben. Für diesen Zewck setzen beide auf social engeenering. Sie sind Zwillinge und haben ihren Ursprung in der westlichen Welt. Bei einem ist das Verständnis einer idealen Gesellschaft islamisch, beim anderen säkular. Wenn man aber ihre Methodik vergleicht, unterscheiden sie sich nicht. Ihr Blick auf den Staat und die Rolle, die sie ihm in ihrer Utopie zuweisen, ist identisch. Die Gesellschaft ist unter der Kontrolle des Staates, Zivilgesellschaft wird nicht gutgeheißen und die wertvollen Interessen des Staates werden über alles hochgehalten.“

Die „Ehrenamtlichen“

Das Durchschnittsalter der Ehrenamtlichen liegt bei ungefähr 21 Jahren. Manche sind 17, andere 23 oder 24. Die meisten von ihnen besuchen die Türkei höchstens einmal im Jahr im Sommer bzw. in den Sommerferien.

Unsere Gesprächspartner wollen nicht, dass wir ihre wahren Namen verwenden. Ayşe Ö. begründet dies folgendermaßen: „Wir möchten nicht, dass Probleme entstehen“. Was mit Problemen gemeint ist, wird im Gespräch nicht ganz klar. Ist es das unangenehme Gefühl, in Deutschland für eine Partei zu werben, die in der deutschen Öffentlichkeit zunehmend das Ansehen einer totalitären Staatspartei bekommt?

Als weiteren Grund für ihre Unterstützung der AKP nennt Ayşe Ö., die selbst auch ein Kopftuch trägt, die Abschaffung des Kopftuchverbots in öffentlichen Einrichtungen und für Studentinnen in der Türkei. Damit sei die Legitimierung eines solchen Verbotes auch in Deutschland aus der Welt geschafft worden. „Heute kann uns keiner mehr mit diesem Argument kommen, denn die Türkei steht hinter uns“, sagt Ayşe. Die Kopftuchdebatte sei eine Wunde gewesen, die der langjährige Minister- und heutige Staatspräsident Erdoğan geheilt habe, erklärt sie stolz.

Heimat bleibt Türkei, auch in der dritten Generation

Was alle Freiwilligen gemeinsam zu Sprache bringen, ist die emotionale Verbundenheit mit dem Herkunftsland ihrer Großeltern. Heimatland ist für sie die Türkei. Viele sehen in ihrem Engagement eine Bedankung bei der AKP-Regierung, die das Ansehen des „Vaterlandes“ in der ganzen Welt gestärkt hat. „Sie hat sehr gute Arbeit geleistet“, meint zum Beispiel Fatma E. „Dafür möchte ich ihr danken. Mein Einsatz ist auch ein Dienst an die Regierung. So wie gläubige Menschen sich für eine religiöse Überzeugung einsetzen und diesen Einsatz als Dienst an Gott verstehen, so setze ich mich für eine politische Überzeugung ein. Ich verstehe das als ehrenamtlichen Dienst an der Gesellschaft.“ Hier wird deutlich, dass die AKP für die Berliner Jugendlichen mehr ist als eine Partei; der Einsatz für sie ist eine religiöse, gute Handlung, für die man im Jenseits belohnt wird.

Was ist mit der Korruptionsaffäre und dem Mangel an Rechtstaatlichkeit?

Doch Erdoğan und die AKP haben sich gewandelt. Die Partei ist von einer Volks- zu einer Staatspartei geworden. Erdoğan strebt, nachdem er alle relevanten politischen Gegner – auch mit unfairen Methoden – ausgeschaltet hat, nach der vollen Macht. Er muss sich ernsten Korruptionsvorwürfen stellen und die Grundrechte werden zunehmend eingeschränkt. Viele Journalisten und Polizisten sitzen in Haft und warten seit Monaten auf ein faires Gerichtsverfahren.

All das scheint aber für die Ehrenamtlichen kein Thema zu sein. Sie nehmen es zwar wahr, aber ihre Dankbarkeit wegen der geleisteten erfolgreichen Arbeit, dessen Nutzen sie auch in ihrem Alltag in Deutschland spüren, führt zu einem Treuepflichtgefühl. Das fehlende Ansehen des Landes war eine der schlimmsten Wunden der Türken im Ausland. Sie sind von der Mehrheitsgesellschaft immer wieder mit Fehlentwicklungen in der Türkei konfrontiert worden. Egal ob das die Politik, Wirtschaft oder den Sport des Landes betraf. Dass man nun mit Stolz auf das „eigene“ Land blicken kann, nahm vielen eine psychologische Last, die sie von klein auf oft von den Lehrern oder ihren deutschen Mitschülern in der Schule aufgeladen bekamen. Mit der AKP ist ihr Selbstbewusstsein gewachsen und sie müssen sich von nun an nicht mehr dafür rechtfertigen, Türke zu sein.

Was aber ist mit der Bigotterie der Partei, die sich zum Beispiel in der Haltung zu Israel zeigt? Gegen den jüdischen Staat wird politisch stark aufgerüstet, wenn es aber um wirtschaftliche Interessen geht, arbeitet man eng zusammen. Das scheint bei den jungen Türken in Berlin nicht angekommen zu sein. Sie halten fest an einer Partei und an einem Politiker, die in dieser Form mehr in ihren Vorstellungen existieren als in der Wirklichkeit.

* Name von der Redaktion geändert.