Der Polizist, der verdächtigt wurde, den 12-jährigen kurdischen Jungen Nihat Kazanhan in Cizre erschossen zu haben, ist frei. In seiner Vernehmung belastete er einen Kollegen und gab erschreckende Einblicke in das Vorgehen der Sicherheitskräfte.
Der Polizist, der verdächtigt wurde, den 12-jährigen kurdischen Jungen Nihat Kazanhan in Cizre erschossen zu haben, ist frei. In seiner Vernehmung belastete er einen Kollegen und gab erschreckende Einblicke in das Vorgehen der Sicherheitskräfte.

Nihat Kazanhan wurde am 14. Januar in seiner südostanatolischen Heimatstadt Cizre durch einen Kopfschuss getötet. Er wurde nur 12 Jahre alt. Ein türkischer Polizist, der verdächtigt wurde Nihat Kazanhan erschossen zu haben, ist nun aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Der tatverdächtige Polizist „H.V.“ kam frei, nachdem er während der Vernehmung aussagte, sein Kollege „M.N.G.“ habe das Feuer auf den Jungen eröffnet. Die Aussagen des Polizisten geben erschreckende Einblicke in das gewaltsame Vorgehen der türkischen Sicherheitskräfte in Cizre.

Die zuständigen Behörden nahmen daraufhin den Beschuldigten „M.N.G.“ in Ankara fest. Bei dem neuen Verdächtigen handelt es sich der Zeitung Hürriyetdailynews zufolge um ein Mitglied eines Spezial-Einsatzkommandos der türkischen Polizei. Der zuvor als des Mordes Verdächtigte „H.V.“ ist Mitglied des Spezial-Einsatzkommandos in Mardin und war während den schweren Ausschreitungen in Cizre dorthin beordert worden. In der Vernehmung sagte „H.V.“ aus, er sei mit seinem Kollegen „M.N.G.“ und zwei weiteren Polizisten in einem gepanzerten Polizeifahrzeug auf Streife gefahren, als dieser dann das Feuer auf den Jungen eröffnet habe. Zusätzlich zu der Standartausrüstung führte „H.V.“ nach eigenen Angaben auch eine Pumpgun im Fahrzeug mit, welche ihm die Sondereinsatzeinheit aus Mardin zur Verfügung gestellt habe.

Bevor es zur Abgabe der tödlichen Schüsse gekommen war, schossen die Polizeibeamten „H.V.“ und „M.N.G.“ demnach Tränengas-Kanister auf eine Gruppe Jugendlicher, die Steine auf das Fahrzeug schleuderten. Der Polizeibeamte „M.N.G.“ habe dann drei bis vier Mal mit seinem Gewehr auf die Gruppe der Jugendlichen geschossen, ohne ein bestimmtes Ziel anvisiert zu haben, so „H.V.“.

Cizre: Mehrere Pumgun-Schüsse auf Gruppe von Jugendlichen

„Ein Kind fiel (auf den Boden) nachdem er das Feuer eröffnet hatte. Mein Vorgesetzter und ich konnten deutlich sehen, dass es ‚M.N.G.’ war, der das Feuer eröffnet hatte und dass das Kind beschossen wurde. Er (der Fahrer des gepanzerten Polizeifahrzeugs) sah ebenfalls durch seine Kamera, wie das Kind zu Boden fiel“, sagte „H.V.“ bei seiner Vernehmung und führte weiter aus, sein Vorgesetzter habe „M.N.G.“ davor gewarnt zu schießen, nachdem er den Vorfall beobachtet hatte. „‚M.N.G.’ ging später zu dem Ort, an Kazanhan erschossen worden war und sammelte die Patronenhülsen aus dem Gewehr und die Tränengas-Kanister (dort) ein und verbuddelte sie im Garten der Polizeistation.“

 Nach dem Vorfall wurde in der Polizeistation ein Meeting einberufen und Polizeioffiziere hätten das Gewehr und die Patronen vorerst an sich genommen, so „H.V.“. Am 19. Januar habe er das Gewehr dann in das Waffendepot der Polizei in Mardin zurückgebracht. Er behauptete außerdem, er habe in vorherigen Aussagen gelogen, um seine Kollegen zu schützen und dass er „Reue“ für seine falschen Aussagen verspüre. Er sei davon ausgegangen, dass im Zuge der Untersuchung der Tötung Kazanhan im Endeffekt niemand verhaftet werden würde. Nach diesen Aussagen wurde „H.V.“ Medienberichten zufolge freigelassen und sein Kollege „M.N.G.“ festgenommen.

Fall Nihat Kazanhan: Verdächtiger Polizist machte falsche Angaben 

In den Wochen vor der Tötung Kazanhan war es in Cizre zu schweren, teilweise bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen kurdischen Demonstranten und Mitgliedern der PKK-Jugendorganisation „Revolutionäre Patriotischen Jugendbewegung“ (türk. Yurtsever Devrimci Gençlik Harekatı, kurz YDG-H, kurd. Tevgera Ciwanen Welatparêz Yên Şoreşger) und türkischen Sicherheitskräften gekommen.

Seit Dezember 2014 wurden mindestens 7 Menschen in der Stadt getötet, darunter vier kurdische Kinder oder Jugendliche: Yasin Özer (19), Barış Dalmış (14), Ümit Kurt (14) und das jüngste Opfer, der zwölf-jährige Nihat Kazanhan. Familienangehörige der Jungen und verschiedene kurdische Aktivisten beschuldigen die türkische Polizei, die kurdischen Jugendlichen mit gezielten Schüssen getötet zu haben. Der stellvertretende Vorsitzende der pro-kurdischen HDP, Selahattin Demirtaş forderte damals von der türkischen Regierung eine schnelle Aufklärung der Taten.

Ein Team des Nachrichtensenders „Vice-News“ reiste Anfang 2015 nach Cizre und erhielt exklusive Einblicke in die angespannte Situation in der Stadt.