Türkei: Öcalan distanziert sich von „geleakten“ Aussagen über Gülen

Der stellvertretende Vorsitzende der „Partei für Frieden und Demokratie“ (BDP), Sırrı Süreyya Önder (m.), der an einer in Diyarbakır einberufenen Redaktionssitzung der Tageszeitung „Hürriyet“ teilnahm, machte in diesem Zusammenhang einige wichtige Aussagen darüber, wie die Gespräche mit Öcalan während des Besuchs der zweiten Imrali-Delegation von den Medien reflektiert wurden.

Önder, der am dritten Treffen selbst teilgenommen und den Aufruf Öcalans an die Menschenmenge in Diyarbakır in türkischer Sprache vorgelesen hatte, sprach von einer Verzerrung und einer Vernachlässigung der Kontextbezogenheit seiner Aussagen seitens der Medien. Öcalan habe ein tiefes Bedürfnis empfunden, seine inakzeptablen Äußerungen über Fethullah Gülen, die Hizmet-Bewegung, Armenier und andere nichtmuslimische Gruppierungen zu revidieren. Önder stellte fest, dass Öcalans Worte über Gülen und seine Aussagen über die armenische Bevölkerung stark verzerrt dargestellt worden wären. „Hrant Dink und ich sagten im Prinzip dasselbe. Selbst meine Bemerkungen über das Lobbyproblem hatte Hrant Dink genauso geäußert“, habe der PKK-Führer ihm anvertraut.

Gülen-Bewegung hat den Frieden von Beginn an unterstützt

Wir verstehen sowohl die Logik, die hinter der Lancierung der Dialoginhalte an die Öffentlichkeit steckt, als auch ihr Ziel. Selbst wenn dieses Thema mittlerweile abgeschlossen und die damit zusammenhängenden Fragen durch die weitere Entwicklung überholt sind, war die Klarstellung Öcalans in dieser Sache wichtig, da weitere an die Öffentlichkeit tretende Gerüchte und Indiskretionen den entscheidenden Etappen im Friedensprozess im Weg stehen könnten und dieser Effekt durch vernünftige und weise Statements verhindert werden kann. „An einem Punkt, wo jeder Demokratie und Frieden will, würde ich niemanden beleidigen oder ausschließen“, bemerkte Öcalan und unterstrich die Wichtigkeit dieser Klarstellung, zumal die Gülen-Bewegung schon von Beginn an den Friedensprozess mit der PKK unterstützt hatte.

Nichtsdestotrotz bleibt es ein Rätsel, welchen Sinn solche ideologischen Äußerungen ausgerechnet zum gegebenen Zeitpunkt machen würden. Alleine schon deshalb hatte es von Beginn an Bedenken hinsichtlich der Authentizität und korrekten Wiedergabe abfälliger Äußerungen über eine Person gegeben, die eine entscheidende Rolle bei der Lösungsfindung bezüglich des PKK-Problems übernommen hatte. Schließlich ist dieses eines der grundlegendsten Probleme in der Türkei. Das Ziel dieser Indiskretion war also offenbar Einschüchterung gegenüber den Beteiligten und die Infragestellung des Prozesses selbst, da die einhellige, auch mediale, Unterstützung der Friedensbemühungen der türkischen Regierung durch die Gülen-Bewegung diese doch darin bestätigt hat, dass sie in die richtige Richtung geht. Die AKP hat sich in ihrem Bemühen, das Problem als solches grundlegend anzugehen, auf die Unterstützung der Bevölkerung gestützt. Und die Gülen-Bewegung war von Beginn an Teil dieser unterstützenden Gruppe.

Die Irrwege der letzten 90 Jahre beenden

Des Weiteren gab Öcalan zum Ausdruck: „Die Herangehensweise Fethullah Gülens gegenüber dem Frieden ist auch die meine. Wir könnten zusammenarbeiten für einen demokratischen Frieden und eine neue Politik im Nahen Osten. Richten Sie ihm meine Grüße aus. Ich bin einer derjenigen, die ihn am besten verstehen“. Diese Aussage kennzeichnet einen wichtigen Fortschritt in Richtung der Unschädlichmachung dieses Sabotageversuches.

Die PKK und die Kurdenkrise sind das Ergebnis einer diskriminierenden Politik des alten Regimes. Und eben diese Politik hat schwere Schäden verursacht. Seit der Geburt der Republik hat der Staat die multikulturelle, multiethnische und multireligiöse Struktur des Landes als eine Bedrohung wahrgenommen und entsprechend einen Krieg gegen diese geführt. Alle gesellschaftlichen Gruppen und Schichten haben dafür einen Preis bezahlt. Sollte die PKK-Frage heute gelöst werden können, dann wird es daran liegen, dass die Denkweise der Verleugnung und Ignoranz zu Grabe getragen wurde.

Daher können ähnliche Fehler zu diesem Zeitpunkt nicht mehr akzeptiert werden. Keine Gruppe, keine Gemeinschaft oder Identität darf mehr als eine Bedrohung angesehen werden. Und gerade auch deshalb ist es wichtig, dass Öcalan seine früheren Äußerungen annulliert und zurückgenommen hat.

Wir teilen alle die schmerzlichen Erfahrungen der letzten 90 Jahre in diesem Land. Wir als Muslime, Nicht-Muslime, Kurden, Türken, Sunniten, Aleviten, Religiöse und Säkulare, Liberale und Konservative sind uns nun bewusst, dass wir zusammenarbeiten sollten, statt Opfer der dunklen Kreise und der Ewiggestrigen zu werden. Ich vermute, dies ist unsere größte Aufgabe für die Zukunft.

Autoreninfo: Markar Esayan ist ein armenischstämmiger, in der Türkei lebender Journalist und Autor. Er ist Chefredakteur der Zeitung „Taraf” und schreibt auch regelmäßig Kolumnen für „Today’s Zaman”.