Wenn Elefanten trampeln, wird das Gras zertrampelt. So lautet die Übersetzung eines türkischen Sprichworts. Wie wahr dieses Sprichwort ist, zeigt sich in diesen Tagen in der Krise zwischen Russland und der Türkei. Während die Mächtigen sich darüber streiten, wer doch recht hat und wer nicht, scheinen die Kleinen mit der Rechnung dieses Streits allein gelassen zu werden.

Russland hat gegen die Türkei Wirtschaftssanktionen verhängt. Russische Touristen sollen nicht mehr in die Türkei kommen, türkische Lebensmittel sind verstärkten Kontrollen ausgesetzt – möglich, dass sie ganz durch Produkte anderer Länder ersetzt werden.

Russischer Anteil an den Touristen in der Türkei

Den Ausfall russischer Touristen könnte die Türkei verkraften. Die Türkei zog im Jahr 2014 fast 40 Millionen Touristen an (39,8 Mio.). Damit befindet sich die Türkei international an sechster Stelle, hinter Frankreich (83 Mio.), USA (74 Mio.), Spanien (65 Mio.), China (55 Mio.) und Italien (48 Mio.) und vor Deutschland (33 Mio.). Die Russen machen mit 4,5 Millionen einen Anteil von 11,2 Prozent aus. Sie bilden damit hinter Deutschen (5,2 Mio.) die zweitgrößte Gruppe, gelten aber im Vergleich ausgabefreudiger als die Deutschen.

Für Antalya, der Hochburg russischer Touristen, wäre der Aderlass aber schmerzhaft. Çetin Osman Budak, CHP-Abgeordneter aus Antalya, will berechnet haben, dass die Krise die Türkei um die 20 Milliarden Dollar kosten könne.

Anders scheint die Lage auf dem Lebensmittelmarkt zu sein. Dort hätten die Sanktionen landesweite Folgen. Laut dem Türkischen Statistikamt (TÜIK) leben in der Türkei 6,17 Millionen Menschen von der Landwirtschaft. Die Türkei exportiert nach Russland Obst und Gemüse im Wert von einer Milliarde Dollar. 42 Prozent der türkischen Exporte an Obst und Gemüse gehen nach Russland.

Türkische Bauern verschuldet

Die Sanktionen könnte diesen Sektor empfindlicher treffen. In Antalya wurden als Folge der Krise schon 5.000 Arbeiter nach Hause geschickt. Der Vorsitzende der Türkischen Lebensmittelproduzenten, Ibrahim Yetkin, zeigt sich besorgt: Die Türkei könne den Ausfall des russischen Marktes nicht einfach ersetzen. Der Binnenmarkt kann diese Produkte nicht abnehmen, die Erschließung anderer Märkte sei auch schwierig. Möglicherweise können über einen Ausbau des Marktes auf dem Balkan nachgedacht werden.

Der Ausfall der Einnahmen aus Lebensmitteln würde die Situation der türkischen Bauern verschärfen. Denn der Sektor Obst- und Gemüseproduktion muss kurzfristig Kredite in Höhe von 19 Milliarden Lira zurückzahlen. Mittel- und längerfristig beträgt dieser Betrag gar 56 Milliarden Lira. 1,261 Milliarden seien aktuell fällig, könnten aber nicht zurückgezahlt werden, so Yetkin.

Hilfe von arabischen Ländern?

Vielleicht kommen ja in dieser schwierigen Lage einige arabische Länder der Türkei zu Hilfe. Zahlreiche Tweets gingen in den letzten Tagen ein, in denen zu Solidarität mit der Türkei aufgerufen wurde.

„Vor allem in der arabischen Welt haben sich Schriftsteller und Aktivisten zusammengefunden, um im Angesicht des russischen Boykotts den Kauf türkischer Waren zu unterstützen. Außerdem wolle man für die Türkei beten“, hieß es auf der Nachrichtenseite NEX, die als regierungsfreundlich gilt.