Das für die Landesverteidigung zuständige SSM hat sich in einer Ausschreibung an Fachanbieter für die Sicherheit sensibler Stätten gewandt.

Zunehmende Instabilität in einer unruhigen Region und Aussichten auf weitere Spannungen und Konflikte haben Ankara veranlasst, seine Verteidigungsstrategie gegen mögliche Angriffe nichtstaatlicher Akteure mit Präzisionswaffen neu zu denken.

Sicherheitsoffizielle betonen, dass die „verwundbare Stätten“ der Türkei nicht länger ohne neue, intelligente Systeme verteidigt werden können. Genau an dieser Stellschraube wolle man jetzt arbeiten.

Aus diesem Grunde hat das Untersekretariat für die Verteidigungsindustrie (SSM) eine exakt auf diese Aufgabe abgestimmte Ausschreibung in die Gänge gebracht. Darauf haben bis dato elf türkische Unternehmen reagiert und weitere Informationen angefordert, deren Arbeitsschwerpunkt Elektroniksysteme für den Verteidigungsbereich darstellt: die vom Staat kontrollierten Anbieter Aselsan, Havelsan sowie deren auf elektronische Kriegsführung spezialisierte Tochter Havelsan Electronik Harp Sistemleri; aus dem privaten Sektor zusätzlich noch die Unternehmen  Aydin Yazilim, GATE, Meteksan, Ortadoğu Savunma, SELEX und Yaltes. SSM zufolge soll es um intelligenten Schutz gegen „Lenkwaffen“ gehen.

Unter den „sensiblen Stätten“ sollen sich Offiziellen zufolge unter anderem derzeitige und künftige Bosporusbrücken befinden, dazu noch einzelne Militär- und Luftfahrtbasen, Kommandozentren und in Planung befindliche Atommeiler und Dämme.

Anregung kam aus staatlicher Pipelinegesellschaft

„Dies ist kein Anti-Terror-Programm. Die definierte Gefahr ist hier intelligente Raketentechnologie, wie sie nur von feindlichen Staaten kommen kann“, betonte ein Offizieller gegenüber der Hürriyet. Ihm zufolge würde das geplante Schutzsystem jenen von maritimen Schutzsystemen entsprechen. Es soll aus intelligenten Sensoren, Raketenerfassungssystemen, Stör- und Tarnsystemen und Flugabwehrwaffen bestehen.

SSM-Offizielle gehen von Gesamtkosten im Umfang von einigen hundert Millionen US-Dollar aus, abhängig von der Anzahl der zu schützenden Stätten. Die Idee sei, so hieß es aus deren Kreisen, aufgekommen, als die staatliche Pipelinegesellschaft den Gedanken aufbrachte, dass ihre oder andere Pipelines möglicherweise nicht ausreichend gegen eine konzertierte oder intelligente Attacke geschützt sein könnten. „Man dachte, diese Aufgabe sollte eine professionelle Firma oder eine solche für integrierte Systeme übernehmen.“

Der staatliche Pipelinebetreiber Botaş unterhält Leitungen von mehreren tausend Kilometern Länge und schützt diese derzeit mit einem selbst konzipierten Sicherheitskonzept. Die Prokuratur des SSM sprach nun von einem ins Auge gefassten System, das Kameras, Drohnen, eine Kommando- und Kontrollzentrale sowie eine Einheit zur schnellen Reaktion umfasse.

Bereits im letzten Monat hat das SSM eine Ausschreibung bezüglich der Anschaffung integrierter Sicherheitssysteme für die Öl- und Erdgaspipelines des Landes auf den Weg gebracht. Den angefügten Informationen zufolge soll sich dieses auf alle bestehenden und alle in Planung befindlichen Pipelines sowie deren Verwaltungs- und Wartungsgebäude erstrecken. Diese sollen auch vor Sabotage und Diebstahl geschützt werden. Bis zum 15. Oktober sollen interessierte Unternehmen ihre Angebote einreichen können.

Schwerpunkt der Pipeline-Schutzbestrebungen soll vor allem der Osten der Türkei sein. Das Projekt kommt zu einer Zeit, da die Erlöse aus dem Ölverkauf ein unverzichtbarer Faktor für das Überleben der Kurdischen Regionalregierung (KRM) sind, deren Peshmerga-Milizen derzeit, von Luftschlägen der US-Luftwaffe unterstützt, gegen die Terrormilizen des „Islamischen Staates“ (IS; ehem. ISIS) kämpfen.

Auch Kurdenregion ist auf Schutzsystem angewiesen

In diesem Zusammenhang erlaubt es eine Pipeline, die zu Beginn des Jahres ihren Betrieb aufgenommen hatte, den Kurden im Nordirak, irakisches Rohöl aus dem Taq-Taq-Feld in den türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan zu pumpen. Dass Erbil im Mai begonnen hat, das Öl eigenständig und ohne Abstimmung mit Bagdad zu exportieren, hatte die Zentralregierung erzürnt.

Bagdad versuchte in weiterer Folge auch, die Ölverkäufe zu blockieren, und hat in manchen Fällen auch Rechtstitel gegen die Weiterveräußerung oder Weiterverbringung erwirkt. Dennoch hat sich Ceyhan zu einem wichtigen Hafen für kurdische Ölexporte entwickelt.

Bis dato flossen 7,8 Mio. Barrel kurdischen Öls durch die unabhängige Pipeline, davon gingen 6,5 Mio. auf Tanker, die für den Export bestimmt waren. Auch die Türkei selbst hofft, durch den Transport von Erdgas vom Kaspischen Meer über den Südkaukasus bis Europa, der durch türkisches Gebiet verläuft, eine noch wichtigere wirtschaftliche und politische Macht zu werden.