epa05461183 People wave Turkish flags during a rally to protest the failed coup attempt at 15th July 2016 and mourn the 240 killed people including civilians, policemen, and soldiers, 07 August 2016, Istanbul. Thousands of people attend a massive democracy rally in Istanbul to protest the 15 th coup attempt. The president, prime minister, main opposition head and the leader of the countryÕs foremost nationalist party join the rally. EPA/SEDAT SUNA +++(c) dpa - Bildfunk+++

Von Ahmet Erciyes*

Mit den ersten Sonnenstrahlen des Sommers steigen wie bei vielen anderen in Europa lebenden Türken auch bei mir die Sehnsüchte nach meiner Heimat, aus der einst meine Eltern in die Bundesrepublik ausgewandert waren. Verwandte sowie Freunde wiederzusehen, die Sonne und das gute Essen zu genießen, kann schon sehr entspannend sein – wäre da nicht die hochpolitisierte Situation des Landes, die zusätzlich durch den abscheulichen Putschversuch angeheizt wurde.

Schon am ersten Tag meiner Ankunft, vier Tage nach dem 15. Juli, ist die angespannte Lage allgegenwärtig. Alle großen Zeitungen, Fernsehsender und Online-Medien sprechen die gleiche hasserfüllte Sprache, in den Freitagspredigten haben sich die Imame zu Sprechern der AKP entwickelt. Man habe in der Nachbarschaft eine Schule der Gülen-Bewegung beschlagnahmt und wolle nun daraus eine Koran-Schule errichten, erzählt der Imam in der Predigt und bittet um Spenden. Dabei ist die Schuld der Gülen-Bewegung an dem Putschversuch durch die Justiz der Türkei noch nicht erwiesen worden. Dass die Unschuldsvermutung gelten muss, ist dem Imam anscheinend egal. Ich habe Schwierigkeiten, hinter ihm mein Freitagsgebet zu verrichten.

Entweder bist du ein Putsch-Befürworter, oder für den Oberkommandanten Erdoğan – dazwischen existiert derzeit nichts. Kritische Fragen stellen? Ein No-Go… insbesondere nach der Verhängung des Ausnahmezustands.

Je mehr man die Rhetorik der Regierung in Ankara übernimmt, desto mehr steigen die Zukunftsaussichten. Selfies von den Demokratiewachen auf den großen Plätzen des Landes in den sozialen Medien zu teilen, kann auch für einen späteren Joberwerb in einem Beamtendienst ganz dienlich sein, wo doch jetzt so viele Stellen neubesetzt werden müssen.

Die Opposition hat in diesen Tagen Angst, der Gülen-Bewegung zugerechnet zu werden. Es steht viel auf dem Spiel.

Will man sich unter Bekannten mal aussprechen und bestimmte Äußerungen der Machthaber hinterfragen, dauert es nicht lange, bis die gut gemeinten Warnungen kommen. Flüsternd mahnt der Freund: „Psst, die Telefone werden abgehört und die Facebook– und Whatsapp-Nachrichten vom türkischen Geheimdienst verfolgt.“ Man fühlt sich nicht frei.

Die Angst der Menschen ist für mich verständlich. Täglich hört man dutzende Nachrichten über die verhafteten Zivilisten und enteigneten Geschäftsleute. Todesopfer gibt es auch schon bereits.

Wenn man nicht als Verräter abgestempelt und zu einem Mitglied einer terroristischen Organisation erklärt werden möchte, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man preist den Oberkommandanten der Türkei, wie das türkische Staatsoberhaupt Recep Tayyip Erdoğan in der heutigen Türkei gerne betitelt wird, oder man schweigt und nickt einfach alles ab.

Gut, dass der Putschversuch gescheitert ist. Die Hintermänner sollen bestraft werden, und wenn Gülen tatsächlich dahintersteckt, auch er. Aber was will man von Lehrern, von Hausfrauen?

Obwohl ich die Türkei liebe und schon jetzt angefangen habe sie zu vermissen, bin ich jedenfalls froh wieder in Deutschland zu sein.

Ich habe nach meinem Türkei-Aufenthalt endgültig verstanden, was es für ein Segen und Geschenk ist, auf die Rechtsstaatlichkeit vertrauen sowie seine Meinung ohne Ängste kundtun zu können.

*Name von der Redaktion geändert