Journalisten sollten nach objektiven Kriterien arbeiten. Unparteiisch müssen sie jedoch nicht sein.

Ich bin nicht unparteiisch. Deshalb kann ich sagen:

Das Ergebnis der Wahl habe ich mit Freude aufgenommen. Ich fühlte mich erleichtert. So leicht, als hätte ich fliegen können. Dieser 8. Juni war ein guter Tag für mich. Ein Tag, wie ich ihn seit langem so nicht erlebt habe.

Andernfalls hätte ich meinen Glauben an das Gute, an ein Mindestmaß an Gerechtigkeit in dieser Welt verloren.

Woher kommt dieses Gefühl? Warum fühle ich mich wohl? Ich möchte versuchen, dieses Gefühl zu erklären.

Vorher sei gesagt: Ich bin kein Wähler. Ich habe noch nie in der Türkei gewählt. In Deutschland schon.

Ich besitze auch die türkische Staatsbürgerschaft nicht – seit langem nicht mehr. So wie es aussieht, werde ich wohl auch nicht mehr in der Türkei leben.

Aber die Türkei ist mein Herkunftsland. Materiell hat der Wahlausgang keinen Einfluss auf meinen Alltag. Zu gewinnen oder verlieren habe ich persönlich nichts.

Trotzdem lässt mich die Entwicklung der Türkei nicht los. Meine Wurzeln liegen dort, Verwandte leben da. Ich liebe die Türkei.

Der Himmel trübte sich 

Anfangs glaubte ich, die AKP sei die Lösung für die Probleme des Landes. Auch wenn ich den Stand der türkischen Gesellschaft, die Türkei Atatürks, in Ordnung fand, hatte mich die Einmischung der Militärs in das zivile Leben gestört. Auch wenn ich das Kopftuch nicht mit dem Islam gleichsetze, nicht alles darauf reduziere, waren ihre Belehrungen, wie jemand sich zu kleiden habe, nicht ok für mich.

Ich dachte, mit der AKP würde die Türkei demokratischer werden. Gläubige Muslime werden geachtet, aber auch Nicht-Gläubige und Nicht-Muslime respektiert werden. Glauben würde Privatsache sein, und nichts, das in die Politik gehört.

In der Anfangszeit der AKP hatte ich das Gefühl, dass es vorwärts geht. Militärs wurden zurückgedrängt, das Land wurde freier und reicher.

Aber seit der Korruptionsaffäre vom Dezember 2013 wurde alles anders. Seitdem hat mich vieles gestört. Die Verdächtigen hatten die Initiative ergriffen, aus Gejagten wurden Jäger. Auf einmal waren Korruptionsverdächtige ehrenhafte Bürger – Polizisten, Staatsanwälte, Journalisten dagegen die Bösen.

Was noch schlimmer war: Die Beschuldigten sahen sich durch ihren Erfolg bei den Kommunalwahlen im März 2014 bestätigt. Sie gewannen sowohl diese Wahlen, als auch die Präsidentschaftswahlen im August 2014 in Person von Erdoğan.

Mit der Zeit nahm der politische Druck auf regierungskritische Medien zu, die Lage wurde immer unerträglicher. Die Medien, die von Erdoğan kontrolliert werden, verbreiteten eine Lynch- und Hass-Atmosphäre. Der Druck, der zuerst die Tageszeitung Zaman traf, schwappte auch auf andere Medienhäuser über, sodass nach Zaman unter anderem Hürriyet und Cumhuriyet des Terrors beschuldigt wurden.

Auch in Deutschland haben wir diese Atmosphäre zu spüren bekommen. Von Veranstaltungen der türkischen Botschaft und der Konsulate wurden wir ausgeschlossen.

Vor den Wahlen verdichteten sich die Anzeichen, dass mit einem Wahlsieg der AKP am 7. Juni alle Medienhäuser gleichgeschaltet würden, die sich Erdoğans Willkür nicht fügen wollten. Unternehmer, die sich nicht auf AKP-Linie bringen ließen, bekamen schon seit längerem einen speziellen Besuch von der Finanzbehörde.

Mein Glauben an die Gerechtigkeit wackelte mächtig. An manchen Tagen wurde Pessimismus Herr über mich, an anderen Tagen versuchte ich optimistischer zu sein. Mit wenig Erfolg.

Bis Sonntagabend.

Wasser in der Oase

Nun ist die Hoffnung wieder da. Der Glaube an das türkische Wahlvolk bekam frisches Wasser; wie Wasser, das man nach Tagen der Trockenheit und Dürre in einer Oase findet.

Und das haben wir zu einem großen Teil den kurdischen Wählern zu verdanken. Es sind Gefühle, von denen ich nicht angenommen hätte, sie für eine Partei zu hegen, deren Ursprung im terroristischen Kampf der PKK liegt.

Wie sich die Zeiten doch ändern.

Von daher möchte ich sagen: Danke, liebe kurdische Wähler!

Liebe HDP, wenn ihr der Gewalt abschwört und eure Bindung zum sogenannten „Kurdischen Tiefen Staat“ kappt, dann seid ihr die neue sozialdemokratische Kraft der türkischen Demokratie.

Heute ist der 9. Juni, zwei Tage nach den Wahlen ist das Wetter immer noch sehr schön…und der Kaffee schmeckt auch noch gut.