Die Nacht ist angebrochen und Çiğdem kann ihren Ehemann Hakkı noch immer nicht erreichen. Er hatte bereits vor Stunden die Wohnung verlassen und war mit seinem Auto stillschweigend davongefahren. Sie ist besorgt und befürchtet das Schlimmste. Hakkı Topal, ein nach dem Putschversuch aus dem Dienst entlassener Polizist, litt aufgrund seiner aussichtslosen Situation seit Wochen unter starken Depressionen. Ihm wurde eine angebliche Nähe zum muslimischen Prediger Fethullah Gülen vorgeworfen und sein 20-jähriger Dienst als Polizeibeamte in der anatolischen Stadt Çorum für beendet erklärt.

Gülen, ein in den USA lebender umstrittener Prediger, wird von der türkischen Regierung beschuldigt, den Putschversuch am 15. Juli angezettelt zu haben.

Ciğdem bleibt nichts anderes übrig, als die örtliche Polizei zu alarmieren und ihren Ehemann als vermisst zu melden. Die Polizei nimmt die Suche nach ihrem ehemaligen Kollegen Hakkı auf und kann schließlich sein Auto mit dem Kennzeichen „45 AY 663“ in der Nähe des Seydim-Teiches in einem Waldgebiet finden. Das Auto ist jedoch leer und die Sorgen Çigdems haben sich als berechtigt erwiesen. Hakkı konnte die Beschuldigung, sein Land sowie seine Werte verraten zu haben, nicht verkraften und nahm sich das Leben. Er erhängte sich an einem Baum, berichten türkische Medien.

Somit ist die Zahl der Menschen, die nach ihrer Entlassung nach dem Putschversuch Suizid begangen haben, auf 21 gestiegen.

Die Ehefrau und die beiden Kinder Hakkıs sind erschüttert von dieser Nachricht und rufen: „Wir wollen unseren Vater zurück. Er war unschuldig. Ihr habt unser Leben zerstört“, zitiert das Online-Medium „TR724“ die Hinterbliebenen.

Doch die eigene Unschuld in den Tagen des Ausnahmezustandes zu beweisen, ist nahezu unmöglich. Nach Angaben des Justizministers Bekir Bozdağ wurden seit Juli gegen 82.000 Menschen ermittelt. Per Dekret erhöhte der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan die Untersuchungshaft von vier auf 30 Tage. Und der Kontakt zu einem Anwalt darf fünf Tage lang verwehrt werden.

Nach Angaben der Internetseite „turkeypurge.com“ sind nach dem Putschversuch inzwischen mehr als 100.000 Menschen aus ihren Beamtendiensten als Richter, Lehrer oder Polizist entlassen worden. In der derzeitigen politischen Lage des Landes scheint ihre Lage ausweglos zu sein. Aufgrund der „Hexenjagd“ gegen die Gülen-Sympathisanten, wie auch der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan in einem Fernsehauftritt das Vorgehen nannte, haben sie ihre Arbeit verloren. Einen neuen Job zu finden, um ihre Existenz zu sichern, scheint alles andere als leicht zu sein. Hinzu kommt die institutionelle und gesellschaftliche Beschuldigung, ein Vaterlandsverräter zu sein.