ILLUSTRATION - Ein Mann hält am 16.05.2016 in Hamburg ein Samsung Smartphone mit den Logos der Telefonanbieter Ay Yildiz, Ortel Mobile, Türk Telekom und Turkcell (links oben - rechts unten). Deutschlands Mobilfunker setzen im Kampf gegen sinkende Erlöse zunehmend auch auf Migranten als Kunden. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa (zu dpa "Mobilfunker werben mit Ethno-Marken um Migranten - Flüchtlinge kein großes Geschäft" vom 17.05.2016) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Whatsapp, Facebook, SMS, Mail und Telefon: Die ständige Erreichbarkeit empfinden viele Türken als erstrebenswert. Das Smartphone stets im Anschlag, den Blick ständig aufs Display gerichtet – das ist für die meisten Türken nicht gleichbedeutend mit Stress. Eine Umfrage ergab zumindest, dass es den Türken wichtig ist, immer und überall erreichbar zu sein. 53 Prozent halten die ständige Erreichbarkeit für wichtig, wie die Gesellschaft für Konsumforschung GfK am Dienstag mitteilte. Anders sieht es in Deutschland aus.

Nur 16 Prozent der Deutschen finden es wichtig, durchgehend erreichbar zu sein. Im internationalen Durchschnitt beträgt die Zustimmungsrate 42 Prozent. Vor allem in Russland und China ist die Erreichbarkeit den Befragten besonders wichtig. Dort stimmen jeweils 56 Prozent der Befragten der Aussage „Für mich ist es wichtig, immer und überall erreichbar zu sein“ zu – gefolgt von der Türkei und Mexiko (50 Prozent).

„Überhaupt keine Gelegenheit mehr, abzuschalten und sich gehen zu lassen“

E-Mails, SMS und andere Handy-Kommunikation nach Feierabend stehen seit längerem in der Kritik, weil ein Zusammenhang mit Stress und psychischen Erkrankungen vermutet wird. „Die ständige Erreichbarkeit ist absolut ungesund, weil wir überhaupt keine Gelegenheit mehr haben, abzuschalten und uns gehen zu lassen“, sagt Gesundheitspsychologin Julia Scharnhorst.

Den Druck, ständig erreichbar zu sein und ständig sofort reagieren zu müssen, erlebt sie in ihrer täglichen Arbeit gerade bei jungen Menschen sehr stark. „Junge haben oft viel zu viele Kontakte und setzen sich dann gegenseitig unter Druck, immer schnell zu antworten“, sagt Scharnhorst. Das laufe dann unter dem Vorwurf: „Ich sehe doch, dass du online bist, warum hast du mir noch nicht geantwortet?“ Teils resultierten aus dem Druck auch Streitigkeiten. „Es haben sich schon Freundschaften getrennt deswegen. Manche empfinden das als Vernachlässigung oder Beleidigung“, betont sie.

Keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen

Im internationalen Vergleich der Altersgruppen zeigt sich laut der im Sommer 2015 durchgeführten und nun ausgewerteten GfK-Studie auch, dass es vor allem den Menschen zwischen 30 und 39 Jahren wichtig ist, ständig und überall erreichbar zu sein: Knapp die Hälfte stimmt hier der Aussage zu, dass dies wichtig ist – dicht gefolgt von den 20- bis 29-Jährigen (45 Prozent) und den Teenagern (43 Prozent). Einen Unterschied zwischen Männern und Frauen bei der Zustimmung gibt es der Umfrage zufolge nicht.

Insgesamt sei die Zahl der Krankheiten wegen psychischen Störungen in den vergangenen Jahren massiv gestiegen, sagt Scharnhorst. „Und das Thema ‚Ständige Erreichbarkeit‘ ist seit Jahren schon ein Teil davon.“ Noch ungesünder sei es, wenn der Druck für Erreichbarkeit nicht von den Freizeit-Kontakten, sondern von der Arbeit komme. Einige Unternehmen regeln zum Gesundheitsschutz ihrer Angestellten deshalb inzwischen sogar den Einsatz von Smartphones oder Tablets in der Freizeit.

Andere Ansprüche an Familie und Freunde bei Türken als bei Deutschen

Die Länder-Unterschiede zwischen den 27 000 befragten Internetnutzern von 15 Jahren an führen Experten auf die Unterschiede in den Kulturen zurück. „Es gibt Kulturen, da sind der familiäre Zusammenhalt und die Menge an Kontakten viel größer. Da kommen schon mehrere Hundert zur Hochzeit“, sagt Scharnhorst. Daraus resultierten andere Ansprüche an soziale Netze und andere Traditionen. In der Türkei kommt zudem der Faktor Twitter hinzu. Die Türkei ist eines der Länder, in dem der Kurznachrichtendienst ganz oben auf der Beliebtheitsskala steht.

Die Expertin rät dennoch dazu, dass Handy auch mal auszumachen: „Wir brauchen einfach Zeiten, wo wir komplett abschalten können und nicht noch mit halbem Gehirn im Arbeitsmodus sind“, warnt sie.