Die Türkei ist eine wichtige Regionalmacht im Nahen Osten. Doch bei den aktuellen Ereignissen im Irak hält sich Ankara zurück, obwohl die Folgen der Gewalt auch für die Türkei spürbar sind. Der Grund dafür ist, dass die Terrororganisation Islamischer Staat einen Faustpfand gegen Ankara in der Hand hält.

Lange hat die Türkei die Gefahr durch die Terrorgruppe IS (Islamischer Staat) – ehemals ISIS (Islamischer Staat im Irak und Syrien) – ignoriert, die sich unmittelbar hinter ihren Landesgrenzen zusammenbraute. Kritische Stimmen innerhalb der Türkei werfen der Regierung sogar vor, das Erstarken der Gruppe aktiv gefördert zu haben. Erst im Juni ließ die türkische Regierung IS als Terrororganisation einstufen. Das hat sich gerächt: Dutzende türkische Geiseln sind seit mehr als zwei Monaten in der Gewalt der Miliz, die damit ein wichtiges Faustpfand gegen die Türkei in ihrer Hand hat. Nun richten sich auch in Ankara die Hoffnungen darauf, dass die Luftangriffe der Amerikaner und die irakischen und kurdischen Sicherheitskräfte die Terrormiliz zurückdrängen.

Im Juni stürmten IS-Kämpfer im nordirakischen Mossul das türkische Konsulat. Unter den 49 Geiseln, die sie in ihre Gewalt brachten, ist auch der Generalkonsul. Die Opfer sind seitdem wie vom Erdboden verschwunden. Die Regierung erließ eine Nachrichtensperre, die offiziell dem Schutz der Verschleppten dienen soll.

Bemühungen um die Freilassung der Geiseln fruchteten bislang nicht. Auch Appelle des  neu gewählten Staatspräsidenten der Türkei, Recep Tayyip Erdoğan, an den Glauben der Extremisten verhallten ungehört. Und mit der Geiselnahme endete die Demütigung nicht. Das Nahost-Onlinemagazin „Al-Monitor“ berichtete im vergangenen Monat unter Berufung auf Mossuls Gouverneur, die Extremisten nutzten das Konsulat inzwischen als Hauptquartier.

Türkei: Wegschauen, um Geiseln nicht zu gefährden? 

Die Geiselnahme schränkt die Handlungsmöglichkeiten der Türkei in dem eskalierenden Konflikt ein, das Land steht dem Erstarken der Terrormiliz scheinbar tatenlos gegenüber. „Die Gesundheit und das Schicksal der Geiseln ist für uns wichtiger als alles andere“, betonte der stellvertretende Vorsitzende der regierenden Adalet ve Kalkınma Partisi (Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung; AKP), Mehmet Ali Şahin, gegenüber der staatlichen Anadolu-Nachrichtenagentur. Verteidigungsminister Ismet Yilmaz sagte am Samstag, der Nato-Partner Türkei leiste keine Unterstützung für die US-Luftschläge im Nordirak. Die Verantwortung für die Verschleppten lasse keinen anderen Kurs Ankaras zu.

Aus westlichen Sicherheitskreisen heißt es, man habe lange erfolglos vor dem Erstarken der Extremisten gewarnt, von denen viele über die Türkei ins Kampfgebiet gereist seien. Die Regierung in Ankara habe aber die Augen vor der Gefahr verschlossen. Ankara habe darauf gesetzt, dass das Regime von Präsident Baschar al-Assad in Syrien auch mit Hilfe der Extremisten gestürzt werde.

Eine Fehleinschätzung mit schweren Konsequenzen für die Türkei: Dorthin sind inzwischen rund 1,4 Millionen Syrer vor der Gewalt in ihrer Heimat geflohen. Aus grenznahen Gebieten werden wachsende soziale Spannungen zwischen Türken und syrischen Flüchtlingen gemeldet. Die türkische Regierung wird für ihre Hilfsbereitschaft zwar international gelobt – sie weiß aber kaum noch, wie sie dem immer weiter anschwellenden Flüchtlingsstrom Herr werden soll.

IS schlägt auch in der Türkei Wurzeln

Gleichzeitig sorgt ein Strom von türkischen Extremisten ins Kampfgebiet für Sorge. Die Zeitung „Hürriyet Daily News“ warf in einem Kommentar vor wenigen Tagen die Frage auf, wie es den Sicherheitsbehörden verborgen gelieben sein könne, „dass sich mehr als 1000 Türken IS angeschlossen haben“. Das Blatt schrieb weiter: „Wer hat die Rekrutierung dieser Menschen für IS organisiert?“

In den Regionen an der  türkisch-syrischen Grenze sind gut funktionierende Schmugglernetzwerke entstanden, die nicht nur IS-Rekruten nach Syrien, sondern auch ausgebildete IS-Terroristen in die Türkei schleusen könnten, so die Befürchtung. IS hat in der Türkei mittlerweile zahlreiche Unterstützer und Sympathisanten. Anfang August sorgte ein Video für Aufsehen in der Türkei. Die Aufnahmen sollen mehrere Hundert Personen zeigen, die anscheinend in Istanbul bei einer vom IS organisierten Feier zum Ramadanfest teilgenommen haben.

Die Tatenlosigkeit der türkischen Regierung ermutigt die Terrorgruppe anscheinend zu selbstbewussten Drohungen gegen die Türkei. IS drohte Anfang der Woche der Türkei mit Angriffen, sollte diese nicht ihre Kontrolle über einen Euphrat-Damm aufgeben.

Ein weiteres für die Türkei relevantes Element im Irak ist das Schicksal der irakischen Turkmenen, mit denen sich viele Türken traditionell verbunden fühlen. Nach dem Vormarsch des IS müssen auch Turkmenen im Irak um ihr Leben fürchten, Tausende wurden vertrieben. Zwar betonte der türkische Außenminister Ahmet Davutoğlu, dass die Türkei gegenüber den Turkmenen bereits humanitäre Hilfe geleistet habe. Türkische Politiker beklagen jedoch fehlendes Engagement seitens der türkischen Regierung. (dpa/dtj)