Türken reisen nach Berlin

Wir berichteten bereits über die Spuren, welche die Deutschen in Istanbul hinterließen. Wie sieht es umgekehrt aus? Die Türken bilden in Deutschland mittlerweile die größte Minderheit. Bekanntlich kamen diese als Gastarbeiter hierher. Wenn man an Türken in Deutschland denkt, so denkt man an erster Stelle an die 1960er Jahre. Doch was viele vergessen, ist, dass es die Türken bereits viel früher nach Deutschland verschlug.

Bereits im Jahre 1732 entstand die erste Moschee in Deutschland. Zwar handelte es sich äußerlich nicht um eine Moschee, doch Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. ließ in Potsdam einen Gebetssaal für zwanzig seiner türkischen Gardesoldaten errichten. Der Berliner Heimatforscher Gültekin Emre geht in seinem Buch „300 Jahre an der Spree“ den türkischen Spuren in Deutschland, speziell in Berlin, auf den Grund.

Erste türkische Partei und zweisprachige Zeitschrift in Berlin

Der erste Türke in Berlin war der Gesandte der Hohen Pforte, Meklubsi Asmi Said Efendi. Dieser kam 1701 mit 15 weiteren Personen nach Berlin. Erst viele Jahre danach, nämlich 1763, kam ein weiterer Gesandter, Resmi el-Hadsch Ahmet Efendi von Istanbul nach Berlin. Erfreut darüber waren die damaligen Berliner nicht. Man fürchtete, dass die Türken die abendländische Kultur zerstören würden. Moment einmal – gab es die Pegida-Befürworter bereits vor 250 Jahren? Wirklich erfolgreich schienen sie nicht zu sein, denn kurz nach dem Eintreffen des Gesandten verbreitete sich ein Stück türkischer Kultur in Berlin: Man konnte nicht mehr auf Datteln verzichten, der Turban wurde zur neuen Mode und man war offen für den Handel und die Zusammenarbeit mit den Türken.

Ab 1878 entwickelte sich eine enge wirtschaftliche, politische und militärische Zusammenarbeit zwischen dem Deutschen und dem Osmanischen Reich mit der Folge, dass das Osmanische Reich 1914 an der Seite Deutschlands in den Ersten Weltkrieg eintrat. Ein wichtiges Projekt, das bei der deutsch-türkischen Zusammenarbeit entstand, war die so genannte „Bagdadbahn“. Die Bahnverbindung Berlin-Bagdad sollte den deutschen Truppen den Eintritt in den Orient eröffnen.

Aufgrund der starken Zusammenarbeit zwischen den beiden Reichen kamen zahlreiche Türken nach Berlin. Im Jahr 1913 lebten bereits 301 Türken in der Stadt. Sie wurden ausgebildet oder arbeiteten in Fabriken. Am 1.Mai 1919 gründeten in Berlin lebende Türken sogar die „Arbeiter- und Bauernpartei der Türkei“. Auch die erste zweisprachige Zeitschrift wurde veröffentlicht: Bei „Kurtulusch“ (Befreiung) handelte es sich um ein türkisches sozialistisches Blatt.

Türkische Arbeiterin in Berlin

Berlin öffnet sich gegenüber der türkischen Kultur

Die ersten türkischen Gastarbeiter in Berlin waren in der Tabakindustrie tätig. Der Tabak wurde zu der Zeit größtenteils aus dem Osmanischen Reich importiert. Selbst die Zigaretten-Fabriken hatten türkische Namen und gaben den Zigaretten türkische Bezeichnungen. Eine dieser Fabriken mit dem Namen Yenidze ließ in Dresden ihr Gebäude in Form einer Moschee mit Minarett bauen. Nachdem es 1945 beschädigt worden war, wurde das Gebäude restauriert und bis vor einigen Jahren noch als Produktionsstätte genutzt. Seit 2014 dient es als Bürogebäude.

Auch an deutschen Schulen und Universitäten waren bereits türkische Schüler und Studenten anzutreffen. Immer mehr Türken waren an der Bildung in Deutschland interessiert. 1917 ging der erste Zug mit 314 Lehrlingen nach Berlin. Später folgten weitere 160 für Bergwerksbetriebe und 600 für die Landwirtschaft.

Türkischsein kam in Mode und galt als exotisch in Berlin. So genannte Türkenbälle, türkische Tänzerinnen bis hin zu Türkinnen auf deutschen Titelblättern, die zu den schönsten Frauen der Welt gewählt wurden, wurden zum Bestandteil der deutschen Kultur. Berlin war endlich bereit, sich der türkischen Kultur zu öffnen und diese besser kennenzulernen.


Dieser Text erschien zuerst am 15. Februar 2015 und wurde nun im Rahmen unseres Jahresrückblicks erneut veröffentlicht.