Vor drei Jahren töteten türkische Militärjets 34 Dorfbewohner des Ortes Uludere in der Provinz Şırnak. Strafrechtlich Konsequenzen gab es bislang keine.

Nach dem Willen Ankaras sollte jede Familie 123 000 Lira vom Staat als Entschädigung erhalten. Die Beträge wurden zwar ausgezahlt, doch das gesamte Entschädigungsgeld -insgesamt 4 Millionen Lira – wurde von den Angehörigen der Opfer nach Ankara zurücküberwiesen. Die Familien der Opfer wollten auf diese Weise zum Ausdruck bringen, dass sie kein Geld, sondern Gerechtigkeit wollten.

Am 28. Dezember 2011 hatten nahe der Ortschaft Roboski im Landkreis Uludere in der südostanatolischen Şırnak 34 Dorfbewohner, die gerade Waren über die türkisch-irakische Grenze schmuggelten, durch einen Angriff der türkischen Luftwaffe ihr Leben verloren.

Die Familien der Opfer warten seitdem auf die Aufklärung der Hintergründe des Vorfalls und auf eine Anklage und Verurteilung der Verantwortlichen. Im Zuge der Untersuchungen des Luftangriffs in Uludere übertrug die bis dahin zuständige Staatsanwaltschaft von Diyarbakır jedoch die Zuständigkeit für den Fall an die Militär-Staatsanwaltschaft des türkischen Generalstabs.

Um der wachsenden Verärgerung und Enttäuschung der Familien der Opfer entgegen zu wirken, entschied sich die türkische Regierung dazu, den Familien der Opfer ohne weitere Prüfung der Einzelheiten jeweils 123 000 Lira (etwa 44 000 Euro) Entschädigung zu zahlen. Der Entschädigungsbetrag wurde anschließend auf die Konten der Familien überwiesen. Doch die Familien aus dem armen Südosten der Türkei rührten das Entschädigungsgeld bis zuletzt nicht an. Nun wurde das Geld zurückerstattet.

Die betroffenen Familien teilten mit, dass einzig ein Prozess gegen die Täter Trost angesichts des Verlusts ihrer Familienangehörigen wäre.

„Wir akzeptieren kein Blutgeld für unsere Söhne“

Emine Ürek, Mutter von Yüksel Ürek, der bei dem Luftangriff getötet worden war, erklärte, sie denke nicht daran, die Entschädigung vom Staat anzunehmen. „Nur für 50 TL ist mein Sohn ums Leben gekommen. Doch das Geld vom Staat werden wir nicht annehmen. Unseren Fall werden wir bis zum Ende verfolgen. Geld wird meinen Sohn nicht zurückbringen. Nur wenn die Täter festgenommen werden, können wir wieder aufatmen. Die Familien wollten vom Staat kein Geld und auch kein Personal. Wir wollen einfach nur Gerechtigkeit“, so die Mutter.

Auch wenn sie es bitter nötig hätten, würden die Familien das „Blutgeld“ für ihre Kinder nicht anrühren, erklärt Emine Ürek. „Sogar wenn ich gezwungen wäre, meine Kinder mit Asche und Sand zu ernähren, würde ich das Geld nicht akzeptieren und meine Kinder damit versorgen. Die Welt ist vergänglich. Auf irgendeine Art und Weise wird sie vergehen. Im Jenseits könnte ich meinem Sohn dann nicht gegenübertreten. Ich habe meinen Sohn auf die Welt gebracht, um ihn zu erziehen. Auch wenn sie das Geld bis zu mir nach Hause bringen würden, würde ich es ablehnen. Das Geld wurde erst auf das Konto des Gouverneurs überwiesen. Wir hatten dem Premierminister schon mitgeteilt, dass wir es nicht annehmen würden. Das Geld blieb eine Weile auf dem Konto und wurde dann zurücküberwiesen.“

Vieh als Schmuggelgut zur Sicherung des Lebensunterhalts

Zeki Tosun, der seinen Sohn, Mehmet Ali Tosun, bei dem Ereignis verloren hat, ist der gleichen Meinung. Selbst wenn bereits mehr als 20 Jahre nach dem Massaker vergehen wären, würde er die Entschädigung nicht annehmen: „Solange die Mörder unserer Kinder in der Türkei frei herumlaufen, soll dieses Entschädigungsgeld für uns giftig sein. Keiner von uns hat die Entschädigung akzeptiert und wir werden sie auch weiterhin nicht akzeptieren. Ich habe das dem Premierminister sogar selbst mitgeteilt. Das Geld soll dahin zurückgehen, woher es gekommen ist, wir nehmen es nicht an. Unsere einzige Forderung ist, dass die Täter von Roboski zur Rechenschaft gezogen werden.“

Fehmi Encu, dessen innerer Schmerz nach eigener Aussage immer noch so stark ist wie an jenem Tag des Massakers, hat bei dem Vorfall 11 Angehörige verloren. Auch er selbst sei vor vielen Jahren des Öfteren an die Grenze gegangen. Er betont, dass die Familien nicht hinter Geld her seien, sondern Gerechtigkeit wollen: „Im Dorf wird keine Landwirtschaft getrieben, doch Viehzucht ist möglich. Nicht jeder aber besitzt Vieh. Somit sind einige gezwungen, für den Unterhalt an die Grenze zu gehen.

Niemand von uns hat die Entschädigung für unsere Verstorbenen angenommen, das würden wir auch nicht. Als Opfer des Roboski-Falles möchten wir nur, dass die Täter gefangen und vor Gericht gestellt werden. Wir haben keine andere Forderung.“

Aktion „Findet die Täter“

Dass die Täter nach drei Jahren immer noch nicht gefunden worden sind, hat in vielen Städten, insbesondere in Van, Proteste ausgelöst. In Başkale haben die Geschäfte geschlossen und eine Demonstration mit 34 Särgen organisiert, welche die 34 Opfer des Angriffs symbolisieren sollen. Die Teilnehmer der Aktion riefen Slogans wie „Wir werden die Verantwortlichen für das Massaker von Roboski zur Rechenschaft ziehen“.

Auch die Universitäten waren aktiv. An den Universitäten von Çukurova, Hakkâri und der Menderes-Universität Aydın verurteilten Studentengruppen im Rahmen von Kundgebungen die Unfähigkeit der staatlichen Autoritäten, den Fall aufzuklären. In Hakkari haben sich Studenten in weiße Umhänge gehüllt, welche Leichenhemden symbolisieren sollen, die mit Sprüchen beschrieben waren wie „Der Krieg kann keine Sieger und der Frieden keine Verlierer haben“. In Aydın gerieten Studenten, welche der Märtyrer der Schlacht von Sarıkamış (1914-15) gedenken und solche, die gegen das Roboski-Massaker protestieren, aneinander. Ein robuster Polizeieinsatz verhinderte, dass die Situation außer Kontrolle geriet.